Der Gegenwind weht überall

 

Seit November betreibt der Junkie Bund ein Ladenlokal in der Taunusstraße, doch die Unruhe unter den Anwohnern bleibt.

VON DAMIAN M. ZIMMERMANN

Kalk – Für Bernd Lemke ist es längst zu einem Déjà-vu-Erlebnis geworden: Egal wo der Gründer des Junkie Bunds Räume sucht, bekommt er den Widerstand der Anwohner zu spüren. Das war von 1994 bis 1999 in der Berliner Straße in Mülheim genauso wie später „In den Reihen“ und jetzt in der Taunusstraße 12b. Als der Verein seine Türen für die Beratung und Betreuung von Drogenkonsumenten in dem ehemaligen Bistro am 10. November des vergangenen Jahres öffnete, ließ der Protest nicht lange auf sich warten. Statt auf dem Alter Markt den Karnevalsbeginn zu feiern, belagerten einen Tag später mehr als ein Dutzend Menschen der eigens gegründeten Bürgerinitiative den Eingangsbereich des JBK-Cafes mit einer Sitz- und Stehblockade, um Mitarbeiter und Besucher am Durchkommen zu hindern.

„Sogar die Türschlösser hat man verklebt, und »Pro Köln« verteilte in Flugblatt mit ziemlich faschistischem Inhalt“, erinnert sich Lemke und weiß nicht, ob er darüber lachen oder den Kopf schütteln soll. Der 47-Jährige hat Anfang der 70er Jahre in seiner oberpfälzischen Heimat selbst mit dem Konsum harter Drogen wie Heroin und LSD angefangen, saß insgesamt drei Jahre im Gefängnis und nahm an Therapien teil. 1990 gründete er den Junkie Bund Köln e.V., der seit zehn Jahren einen niederschwelligen Kontaktladen betreibt.

„Jeder befürwortet unsere Einrichtung, aber niemand will sie vor der Haustür haben.“ Es sei wichtig, dass sich das Ladenlokal nahe der Szene befinde, weil sonst kaum jemand kommt. So habe man in der Berliner Straße zwischen 50 und 60 Besucher am Tag gezählt, im Extremfall seien es sogar 160 gewesen. „Später »In den Reihen« waren es nur noch 20 bis 25 am Tag.“ Die Taunusstraße sei dagegen geradezu sein Wunschobjekt, erklärt Lemke. „Das Ladenlokal befindet sich nicht direkt im Szeneviertel, ist aber gut erreichbar.“ Die Statistik gibt ihm Recht: Nach nur drei Monaten stieg die Besucherzahl wieder auf etwa 40.

Einen Anstieg der Kriminalität und die Häufung von Auffälligkeiten kann die Polizei mit dem neuen Standort in der Taunusstraße nicht verbinden. „Es ist relativ ruhig geblieben“, sagt Arnd Rüenaufer vom Dezernat für Kriminalitätsangelegenheiten. Er warnt aber gleichzeitig vor voreiligen Schlüssen und will erst einmal abwarten, wie sich die Lage in den Sommermonaten entwickelt, wenn sich wieder mehr Drogenkonsumenten auf der Straße aufhalten. „Angst und Unmut“ gebe es schon jetzt genug in der Bevölkerung, erklärt Rüenaufer: „Auch wenn die Anzahl der Bürgerbeschwerden zurück gegangen ist, kann von einer Beruhigung der Situation nicht die Rede sein.“

Die Vorsitzende der eigens gegründeten Bürgerinitiative bestätigt diesen Eindruck, wenn auch unbeabsichtigt. Zwar sei sie, so sagt sie, weiterhin gegen den Standort zwischen Gemüsehändler, Zeitschriftenladen, Spielplatz und Bestattungsinstitut. Auskünfte über die Ziele der Bürgerinitiative wollte sie dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ aber auch nach wiederholter telefonischer Anfrage nicht erteilen. Sie verwies lediglich auf eine Pressekonferenz, zu der demnächst eingeladen werden solle. Ein genaues Datum nannte sie allerdings nicht.

Wesentlich auskunftsfreudiger gab sich hingegen Andreas Hecht. Er ist Leiter der Beratungsstellen an der Dieselstraße und am Hauptbahnhof, bei denen es laut Polizei „keinerlei Probleme gibt“. Für Hecht hängt das unter anderem mit dem etablierten Träger der Einrichtungen zusammen, dem Sozialdienst Katholischer Männer (SKM). „Wir prüfen die Sozialverträglichkeit unserer Standorte, schließlich haben wir immer auch die Anwohner im Blick. Wir würden uns zum Beispiel nicht neben einer Grundschule oder einem Kindergarten niederlassen.“

Dass der Junkie Bund mit so viel Gegenwind zu kämpfen hat, führt Hecht darauf zurück, dass er ein kleiner Träger sei und aus Eigeninitiative entstanden sei. Dabei verdiene es die Einrichtung unbedingt, ihre Arbeit fortzuführen – auch, wenn sie einen anderen Ansatz vertrete als der SKM. „Wir tragen keine Angebote auf die Straße, sondern informieren dort nur und verteilen höchstens Gutscheine“, erklärt Hecht. Der Spritzentausch des Junkie Bunds auf der Straße werde von vielen Menschen nicht gerne gesehen. „Ich verstehe, wenn Bürger Sorgen haben“, sagt Hecht. „Man muss versuchen, ihnen diese Ängste zu nehmen.“

Bernd Lemke ist ein Mitbegründer des Junkie Bunds und Betreiber des Ladenlokals an der Taunusstraße, das als Anlaufstelle für Drogenabhängige dient Einige Anwohner haben eine Initiative gegen die Einrichtung gegründet.

Kölner Stadt-Anzeiger

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