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26 Feb 2011

Ärger auf dem Straßenstrich

Prostitution – Stadtverwaltung erwägt Ausweitung des Sperrbezirks im Kölner Süden – Harter Verdrängungskampf

VON TIM STINAUER

Sie schlendert vor dem Aldi-Parkplatz auf und ab, sucht den Blickkontakt mit Männern in vorbeifahrenden Autos. Die Frau mit dem schwarzen Zopf zittert vor Kälte. Sie trägt eine hüftlange Daunenjacke und blaue Jeans. Ihre dünnen Finger umklammern den Griff einer roten Lederhandtasche.

„Fragen ist okay, aber keine Fotos“, bittet Tanja (Name geändert). „Meine Eltern wissen nicht, was ich hier mache.“ Die 42-Jährige arbeitet als Prostituierte – früher in einem Bordell im Rhein-Sieg-Kreis, seit November auf dem Straßenstrich in Meschenich. „Was soll ich machen?“, fragt Tanja und zuckt mit den Schultern. „Ich saß lange im Knast und habe ein teures Hobby.“ Kokain.

Sieben Tage die Woche, jeweils zwei bis drei Stunden, stehe sie vor dem Supermarkt und halte Ausschau nach Freiern. Den Bereich teile sie sich mit zehn anderen drogenabhängigen, zumeist deutschen Frauen.

Noch vor wenigen Monaten wartete das Grüppchen einige Kilometer weiter nördlich auf Kundschaft, links und rechts der Brühler Landstraße. Doch im vorigen Sommer kamen plötzlich immer mehr Mädchen hinzu, fast alle aus Bulgarien – deutlich zu viele für die knapp 1000 Meter Landstraße zwischen dem Militärring und der Autobahnbrücke, dem Straßenstrich hinter dem Bonner Verteiler.

Ein erbitterter Konkurrenzkampf begann, ein Verdrängungswettbewerb, den die bulgarischen Frauen schnell für sich entschieden. Sogar handgreiflich seien die neuen Rivalinnen geworden, berichtet Tanja. „Einige Mädchen von uns wurden verprügelt, deshalb sind wir nach Meschenich ausgewichen.“

Aber auch dort formiert sich der Widerstand. Die Anwohner fühlen sich belästigt. Auf dem Weg zum Bus müssen Schulkinder an den Frauen vorbei. Benutzte Kondome und haufenweise Taschentücher vermüllen Straßen und Grünflächen. Freier sprechen Kinder an. Die Stadtverwaltung nimmt die Klagen ernst, sie plant eine Neuorganisation des Straßenstrichs rund um den Militärring. Schon vom 1. Mai an könnten Meschenich und weitere Stadtteile zum Sperrbezirk erklärt werden. Prostituierte und Freier müssten dann hohe Verwarngelder bezahlen, wenn das Ordnungsamt sie innerhalb der Grenzen erwischt. Die Politiker im Rat und die Bezirksregierung müssen den Entwürfen allerdings noch zustimmen.

Tanja und ihre Kolleginnen würden dann erneut vertrieben. Und was dann? Die 42-Jährige ist ratlos. „Ich weiß nicht. Zur Brühler Landstraße gehe ich auf keinen Fall zurück, ich will kein Theater mit den Bulgaren.“

Mit den Neuankömmlingen aus Osteuropa ins Gespräch zu kommen, ist schwierig – an diesem Tag ist es unmöglich. Auf dem kleinen Parkplatz zwischen Militärring und Autobahnbrücke warten drei Frauen. Beim Anblick des Fotografen drehen sie sich um. „Hau ab“, droht eine schlanke Schwarzhaarige in gebrochenem Deutsch. Sie setzt sich in ein Auto mit bulgarischem Kennzeichen, flucht und fuchtelt mit den Händen, klappt ihr Handy auf und tippt eine Nummer ein. Vermutlich die ihres „Aufpassers“.

So nennt die Polizei die Männer, die im Hintergrund über die bulgarischen Frauen wachen. Meist sind es deren Ehemänner, Freunde oder Verwandte. Sie bringen die Prostituierten zur Arbeit, versorgen sie mit Getränken, notieren sich mitunter auch die Kennzeichen der Autos von Freiern, die mit den Frauen zum schnellen Sex im nächsten Waldweg verschwinden. Zuhälter würde man wohl sagen, aber dafür fehlen der Polizei konkrete Hinweise. „Der Straftatbestand des Menschenhandels ist erfüllt, wenn den Frauen zum Beispiel die Pässe und das Geld abgenommen werden, wenn sie misshandelt, in ihrer Freizügigkeit beschränkt oder gegen ihren Willen zur Ausübung der Prostitution gezwungen werden“, erläutert Kriminaloberrat Arnd Rüenaufer. Doch all das konnte bislang nicht nachgewiesen werden – auch deshalb, weil die Frauen bei der Polizei in der Regel keine Aussagen machen.

Nach Erkenntnissen der Ermittler ist der Straßenstrich im Kölner Süden unter drei Gruppen aufgeteilt: die zumeist drogenabhängigen Frauen in Meschenich, die in der Regel in die eigene Tasche wirtschaften; die Bulgarinnen entlang der Brühler Landstraße und die Frauen in den Wohnwagen in der befahrbaren Schleife am Militärring/Ecke Brühler Landstraße. Auch sie stammen vorwiegend aus osteuropäischen Ländern.

Über Mittelsmänner soll eine Rockergruppierung am Sex-Geschäft in den Wohnwagen verdienen, sagt die Polizei – bis zu zwei Millionen Euro jährlich. Pro Schicht und Wohnwagen kassieren die Hintermänner angeblich 150 Euro Miete von den Frauen. Das Vermieten allein sei nicht verboten, betont Kriminaloberrat Rüenaufer. Auch in diesem Fall lasse sich Menschenhandel nicht gerichtsfest nachweisen. Einzig wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung haben die Finanzbehörden vor zwei Jahren gegen zwei Mitglieder der Rockergruppe ermittelt.

Es ist 13.30 Uhr, Mittagspause in vielen Betrieben. In der Schleife vor dem Heeresamt stehen 17 Wohnwagen. In fünf Anhängern lehnen Frauen in Reizwäsche im Türrahmen. Auf dem Seitenstreifen sitzen Männer in ihren geparkten Autos, sie beobachten die Szenerie. Manche steigen aus und sprechen die Frauen an, andere gucken nur, fahren irgendwann weiter. Die Autos tragen Werbeaufdrucke von Handwerkerfirmen, Schlüsseldiensten, einem Postzusteller und Getränkefabrikanten. Ein Rentner schiebt sein Fahrrad vorbei, kommt mit einer in rosa Dessous gekleideten Blondine ins Gespräch. Auch abends, vor allen am Wochenende, herrscht hier Hochbetrieb.

Nach dem Willen der Stadtverwaltung soll auch der Wohnwagenstrich Sperrbezirk werden. Nur noch der Bereich am Güterbahnhof Eifeltor bliebe künftig 24 Stunden für die gewerbsmäßige Prostitution erlaubt. Stadt und Polizei hoffen, dass sich dieses eng eingegrenzte Gebiet besser kontrollieren lässt-und dass es an Anziehungskraft verliert. Für die Freier wie für die Prostituierten.

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