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19 Sep 2013

Gastbeitrag auf christiane-f.com

Ich führe ein menschenwürdiges Leben mit Drogen

Dirk Schäffer ist seit vielen Jahren opiatabhängig und engagiert sich in der Drogenselbsthilfe JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte), dem bundesweiten Netzwerk von Gruppen, Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen, die sich für die Interessen und Bedürfnisse Drogen gebrauchender Menschen engagieren. Am 11. Oktober 2013 wird er unter anderen an der Panel-Diskussion “Wie wir süchtig werden und was wir trotzdem wert sind” auf der Frankfurter Buchmesse teilnehmen. Seine Ziele beschreibt er hier in einem Gastbeitrag:

Ich kenne Christiane noch nicht persönlich. Aber ich teile mit ihr eine gemeinsame Geschichte. Auch ich bin seit 25 Jahren opiatabhängig. Es nötigt mir Respekt ab, wie Christiane ihr Leben auf ihre Weise gemeistert hat. Ich hoffe, dass ihr Buch “Mein zweites Leben” dazu beiträgt, die Sicht auf Drogenkonsumenten zu verändern.

Wie viele andere auch bin ich bis heute nicht wirklich clean geworden, habe also das von der breiten Öffentlichkeit vorgegebene Ziel der Abstinenz nicht erreicht.

Dennoch geht es mir gut. Ich führe ein menschenwürdiges Leben mit Drogen.

Dies war in den 70er und 80er Jahren nicht möglich. Junkies gingen in den Knast oder in die Abstinenztherapie, meist ohne Erfolg. Erst seit zirka 15 Jahren gibt es ein langsames und sehr vorsichtiges Umdenken in der deutschen Drogenpolitik – zu spät für viele meiner Freunde.

Ich habe mich irgendwann dazu entschieden, gegen eine menschenunwürdige Drogenpolitik zu kämpfen und habe dies zu meinem Hobby und meinem Beruf (Deutsche AIDS-Hilfe) gemacht. Dort setze ich mich unter anderem für die Abgabe von pharmakologisch hergestelltem Heroin (Diacetylmorphin) an Substitutionspatienten ein – weil es für jene Menschen eine Alternative schafft, die von Methadon und anderen Medikamenten zur Substitution nicht profitieren, zum Beispiel weil sie unter schlimmen Nebenwirkungen leiden. Der deutsche Bundestag hat bereits 2009 entschieden, dass Diacetylmorphin abgegeben werden darf. Doch die Vorbehalte in der Gesellschaft und in Teilen der Fachöffentlichkeit vor staatlich verabreichtem Heroin sind so groß, dass der Gesetzgeber dies nur unter Schutzmaßnahmen gewährt, die kein Arzt praktisch umsetzen kann, da die Investition zu hoch wäre. Das hat zur Folge, dass es heute, vier Jahre nach dem Beschluss, bis auf eine Praxis in Berlin keine weitere gibt, in der künstlich hergestelltes Heroin zur Substitution abgeben wird, als noch zu Zeiten der Deutschen Heroinstudie, die dies empfiehlt.

Ich freue mich sehr auf die Möglichkeit, Christiane in Frankfurt bei der Buchmesse kennenzulernen. Ich kann Christiane nur viel Kraft und Freunde für ihre zukünftige Zeit wünschen.

Mit deinem Buch kannst du dazu beitragen, dass Menschen vielleicht mit anderen Augen auf uns Opiatkonsumenten blicken – und uns dabei helfen, uns selbst zu helfen, statt uns zu stigmatisieren.

Quelle

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