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17 Jun 2014

Die sozialen Probleme am Kölnberg

2014-06-17-KStA-Kampf_gegenKampf gegen die Verwahrlosung

2014-06-17-KStA-Jahrzehntel49 Beratungs- und Hilfsangebote – Verwalter kümmern sich kaum um Häuser und Mieter – Polizei klärt Rätsel um verweste Leiche

VON ANJA KATZMARZIK UNDTIMSTINAUER

Von einer offenen Drogenszene am Kölnberg kann man nicht sprechen – jedenfalls nicht an diesem Montagnachmittag. Selbst die schmale Stichstraße am Kindergarten, wo normalerweise um diese Zeit trotz Sperrbezirksverordnung rauschgiftsüchtige Prostituierte auf Kundschaft warten, wirkt wie ausgestorben. „Sie sind vorsichtiger geworden seit der Sache vor ein paar Tagen“, mutmaßt eine Sozialarbeiterin, die sich im Viertel auskennt.

Die „Sache“ am vorigen Donnerstag hatte mehreren Junkies einen Besuch der Mordkommission eingebracht. Inzwischen scheint der makabre Fall aufgeklärt: Der Mann, dessen verweste Leiche von einem Balkon in der 9. Etage geworfen wurde, ist offenbar nicht getötet worden, sondern an einer Überdosis Heroin gestorben. „Beweise und Zeugenangaben legen das nahe“, sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung stehe noch aus.

Vermutlich überfordert mit der Frage, was sie mit der Leiche machen sollen, sperrten seine ebenfalls drogenabhängigen Bekannten den 3 6-Jährigen erst tagelang in einen Geräteschuppen auf dem Balkon. Wer ihn dann hinunter warf, weiß die Polizei noch nicht.

Auch, wenn es nicht immer direkt ins Auge fällt – Drogen spielen eine große, mitunter zerstörerische Rolle am Kölnberg. Die Polizei weiß von „Drogenhöhlen“ in leerstehenden Wohnungen, die von Junkies genutzt werden. Regelmäßig nehmen Beamte Dealer fest, die in Appartements ihre Depots anlegen. Eine kokainsüchtige Prostituierte (37) schildert im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ ihren Tagesablauf: „Freier bedienen, Kokain kaufen, konsumieren und wieder Freier bedienen – manchmal 20 am Tag.“ Seelisch halte man das nicht aus. „Aber ich saufe, dann geht’s.“

Etwa 20 Frauen prostituieren sich am Kölnberg. Für manche sei das Viertel „Endstation“, sagt Sabine Reichert vom Sozialdienst Katholischer Frauen. Dessen Mitarbeiterinnen engagieren sich für die rauschgiftabhängigen Prostituierten. Die soziale Landschaft in Meschenich ist vielfältig. 49 Beratungs- und Hilfsangebote gibt es vor Ort. Susanne Rabe-Rahman, verantwortlich für die Caritasarbeit dort: „Dass mit diesem tragischen Ereignis der Stadtteil jetzt wieder einmal mit negativen Bildern belegt wird, ist genau das, was die Leute hier nicht brauchen.“

Was sie vielmehr nötig hätten, wären eine vernünftige Hausverwaltung, die endlich gegen die Ratten- und Ungezieferplagen vorginge und ein Auge daraufhätte, wie viele Menschen sich in einer Wohnung niederlassen und warum. Stattdessen glänzen zwei zerstrittene Verwalter in der Anlage vor allem durch Desinteresse. Auch auf eine „Kölner Stadt-Anzeiger“-Anfrage reagierten sie nicht. Wünschenswert wäre auch eine bessere Verkehrsanbindung, die es den Menschen dort ermöglicht, Jobangebote annehmen zu können, ohne ein Auto zu besitzen. Rabe-Rahman: „Der Bus von der Endhaltestelle der 18 in Hürth hierher fährt nur einmal stündlich – und das in den Spitzenzeiten.“

In den vergangenen Jahren wurde das soziale Netz immer weiter geknüpft; etwa durch Projekte wie „Stadtteilmütter und -väter“ oder die „Familienhebamme“, die aber nur mit Spenden starten und aktiv sein können. Nur wenige Initiativen scheitern. Doch auch das kommt vor. So gab ausgerechnet die Suchtkrankenpflege „Blaues Kreuz Köln“ 2013 ihre Arbeit nach anderthalb Jahren wieder auf.

In einem ehemaligen Apartment in einem der Hochhäuser ist die Kontakt- und Anlaufstelle von „Vision e.V“ für Süchtige. Die Räume nutzte auch das „Blaue Kreuz“. Wie dessen Chef Harald Seeger berichtet, war die Mitarbeiterin dem sehr nahen Umfeld nicht gewachsen. „Wir haben es ja oft mit einer schwierigen Klientel zu tun“, sagt er. Doch nachdem die Kollegin bedroht wurde und ging, fand sich keine Nachfolge.

Selbst renommierte und etablierte Unterstützer wie die Rheinflanke, die Kindern und Jugendlichen im Brennpunkt Sport- und Berufsfindungsangebote macht, erfahren Rückschläge. Nur mit einer AnschubfFinanzierung von „wir helfen“ hatte der Jugendhilfeträger im Oktober 2011 eine Streetworker-Stelle für anderthalb Jahre einrichten können. Danach war Schluss, aufgebautes Vertrauen zerstört! „Es ist uns nicht gelungen, Politik und Verwaltung dafür zu gewinnen, die Arbeit mitzufinanzieren“, resümiert Geschäftsführer Sebastian Körber. Und Ju-genddezernentin Agnes Klein rechtfertigt sich: „Wir hätten dafür in anderen Stadtteilen kürzen müssen, was dort zu Problemen geführt hätte. Zusätzliche Mittel gibt es nicht.“ Johannes Waschek, zweiter Vorsitzender der Bürgerund Vereinsgemeinschaft, hält das für unverantwortlich. „Wir brauchen einen Streetworker, der langfristig bleibt. Und keine Politik, die sich nur dann zu Wort meldet, wenn der Kölnberg mal wieder traurige Schlagzeilen macht.“

2014-06-17-KStA-Jahrzehntel„Jahrzehntelang vernachlässigt“

Streetworker Franco Clemens über dringend nötige Hilfen am Kölnberg

Drogenhöhlen, Prostitution, organisierte Kriminalität – der Kölnberg hat einen miserablen Ruf. Zu Recht?
FRANCO CLEMENS: Jedes Wohnviertel mit schlechter sozialer und kultureller Durchmischung, wo soziale Randgruppen isoliert werden, hat einen schlechten Ruf. Das trifft auf den Kölnberg zu wie auf keinen anderen Stadtteil Kölns. Es gibt viele alkoholkranke Bewohner, vor allem Deutsche, aber auch Menschen mit osteuropäischem Migrationshintergrand, viele Drogenkranke. Fast jede Drogenabhängigkeit führt zur schleichenden Verelendung – was man den Betreffenden auf der Straße ansieht.

Wer hat schuld an den Verhältnissen? Wie konnte es so weit kommen?
CLEMENS: Das Bauen ausgelagerter Trabantenstädte in den Sechziger Jahren war ein Fehler. Dann kam die Fehlbelegungspolitik durch Kommune und Hausverwaltungen, verschärft durch Hartz IV Der Kölnberg wurde – ähnlich wie Finkenberg und Chorweiler -jahrzehntelang von der Politik vernachlässigt.

Und heute? Unternehmen Stadt und Politik inzwischen genug?
CLEMENS: Ein klares Nein. Eine Politik, die nur reagiert, wenn wieder mal etwas passiert, ist heuchlerisch. Politiker waren vor einem Jahr trotz aller Lippenbekenntnisse nicht in der Lage, das Geld für eine halbe Streetworker-Stelle lockerzumachen. Damit war ein sehr erfolgreicher Ansatz durch eine Anschubfinanzierang von „wir helfen“ versandet.

Was ist denn am dringendsten nötig?
CLEMENS: Klassische Streetwork-Arbeit wie etwa in Finkenberg wäre am Kölnberg ein absolutes Muss. Die zum Teil konkurrierenden Hauseigentümer mit häufig wechselnden Verwaltern müssen besser kooperieren und bei der Vergabe der Wohnungen auf eine bessere Durchmischung der Bevölkerungsschichten achten. Die Stadt sollte sich auch überlegen, im Umfeld eine Abenteuerhalle zu bauen. Ein sehr gut funktionierendes Jugendzentrum, Kindergärten und ein Fußballverein sind zu wenig für die vielen Kinder und Jugendlichen im Viertel.

Was konkret kann Sozialarbeit am Kölnberg leisten?
CLEMENS: Unglaublich viel Gutes für die Menschen und das Viertel, und damit für die Stadt: Vermittlung an Fachdienste bei allen sozialen Problemen, auch Hilfe im Umgang mit Ämtern, Verwaltung und Behörden. Streetwork kann, zudem subj ektive Ängste der Menschen im öffentlichen Raum abbauen, weil sie wissen, dass dort jemand ist, den sie ansprechen und dem sie vertrauen können. Auf dem Kölnberg ist auch die Zusammenführung der Bewohner des Kölnbergs und dem Dorf Mesche-nich eine ganz wichtige Aufgabe.

Lebt es sich als Streetworker gefährlich am Kölnberg?
CLEMENS: Wenn die Erwachsenen und Jugendlichen einmal verstanden haben, dass man Helfer ist und nicht „Petzliese“, ist die Gefahr gering, dass man Gewalt auf sich zieht. Aber bis man sich dieses Vertrauen erarbeitet hat, ist es ein weiter Weg, und der ist in der Tat nicht immer ungefährlich.

Das Gespräch führte Tim Stinauer

Zur Person

Franco Clemens (49) hat bis April 2013 eineinhalb Jahre als Streetworker am Kölnberg in Meschenich gearbeitet. Zuvor war er unter anderem acht Jahre Sozialarbeiter in Finkenberg. Zurzeit leitet Clemens eine ju-gendeinrichtung des Jugendhilfeträgers „Rheinflanke“.

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1 Kommentar

  1. VISION e.V.

    Nur langfristige Projekte bringen Erfolg
    KÖLNBERG zu „Kampf gegen die Verwahrlosung“ (KSTA Ausgabe 17.6.)

    Ich kann Johannes Waschek und Franco Clemens zu ihren Aussagen in den Berichten nur zustimmen. Nicht nur am Kölnberg sondern auch an anderen sozialen Brennpunkten in Köln braucht es eine kontinuierliche und nachhaltige soziale Arbeit. Leider setzen sich sowohl die öffentlichen als auch die privaten Geldgeber zunehmend auf kurzfristige Projektfinanzierungen. In ein oder zwei Jahren lassen sich Problemlagen jedoch nicht nachhaltig klären und stabile soziale Strukturen aufbauen. Die in diesen Projekten beschäftigten Sozialarbeiter haben dadurch selbst prekäre Arbeitsverhältnisse, was zusätzlich zu häufigem Personalwechsel führt. Was wir dringend brauchen, sind mittelfristige Finanzierungsstrategien, um eine nachhaltige Beziehungsarbeit leisten und soziuale Strukturen aufbauen und festigen zu können. Diesen Herausforderungen müssen sich öffentliche und private Förderer gemeinsam stellen. Es wäre zum Beispiel eine Katastrophe, wenn die Mühsam aufgebaute Schulsozialarbeit an Kölner Schulen zum Jahresende eingestellt werden müsste. Weitere Beispiele ließen sich problemlos anfügen und finden sich in fast allen Kölner Quartieren.
    ANDREAS HILDEBRAND
    Katholische Jugendagentur, Köln

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