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Selbstverständnis und Profil des bundesweiten JES-NetzwerksAusgehend von diesen generellen Aufgaben des JES-Netzwerks stel­len sich Fragen nach der spezifischen Arbeitsweise in unserer Selbsthilfe.

Wir wollen keine Gleichschaltung in der Arbeit

Wir gehen davon aus, dass es „die” richtige JES-Arbeitsweise nicht gibt. Vielmehr muss jede Gruppe die Arbeitsweise, die für die Bedürf­nisse, Interessen und Ziele ihrer Mitglieder „passt”, selbst herausfinden. Selbstverständlich können die einzelnen JES-Gruppen dabei voneinan­der lernen. Das JES-Netzwerk ist jedoch weit davon entfernt, die Arbeit in den einzelnen Gruppen zu normieren. Wir halten es für einen Vorteil, dass jede JES-Gruppe die auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder und der Region bezogenen Ziele, die für die Bewältigung ihrer Probleme ent­sprechenden Angebote und die dafür erfolgreichen Formen der Organi­sation herausfinden und praktizieren kann, ohne sich an starren Vor­ga­ben zu orientieren.

Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass die Arbeit im JES-Netzwerk nicht mit Ernsthaftigkeit und Verantwortung geleistet wird. Mit dem ent­spre­chenden Verständnis entsteht folgerichtig eine große Differenzie­rung in den Arbeitsweisen der JES-Gruppen. Diese Verschiedenartig­keit wird vom Netzwerk nicht nur getragen, weil sie dem JES-Verständ­nis von Demokratie entspricht. Im Gegenteil: Sie findet besondere Wertschät­zung, weil sie zur wesentlichen Quelle von Innovation werden kann und zur Überlegenheit der JES-Selbsthilfe gegenüber vielen pro­fessionellen Einrichtungen beiträgt.

Wir haben aber viele Gemeinsamkeiten in der Arbeit

Trotz dieser Unterschiede gibt es eine Reihe verbindender Gemein­samkeiten in unserer Arbeitsweise.

Eine wesentliche Gemeinsamkeit ist, dass die Gruppen im JES-Netz­werk durch gemeinsame Inhalte und Ziele in den Bereichen der Dro­gen-, Gesundheits- und Sozialpolitik sowie durch ein gemeinsames Selbstverständnis verbunden sind. Ausdruck findet dieses im gemein­samen Grundsatz „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen” der von allen Gruppen anerkannt und vertreten wird.

Eine weitere Gemeinsamkeit der JES-Arbeit: Sie ist nicht in erster Linie durch die Aussicht auf einen bezahlten Arbeitsplatz motiviert. Es han­delt sich stattdessen um eine, vom freiwilligen Engagement der JES-Mitglieder getragene, Arbeit von DrogenkonsumentInnen für Drogen­konsumentInnen.

Verbindung von qualifizierter Fachberatung und Selbsthilfe

JES-Arbeit geht über private Solidarität beispielsweise von Familienmit­gliedern und FreundInnen hinaus, weil hier qualitativ hochwertige Fach­beratung einerseits und Erfahrungsaustausch sowie Problembearbei­tung durch Betroffene andererseits miteinander verbunden werden. Die Praxis zeigt zugleich, dass diese Aspekte der JES-Arbeit nicht neben­einander stehen, es vielmehr eine enge Wechselbeziehung gibt: Eine bestimmte (selbstorganisierte) Qualifizierung und Professionalisierung der Selbsthilfe stärkt auch die Möglichkeiten und die Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe und zu Solidarität der Mitglieder untereinander. Diese Verknüpfung gibt der JES-Arbeit eine einzigartige und unver­zichtbare Qualität, mit der sie sich auch von den Möglichkeiten des professionellen Hilfesystems unterscheidet. Zu den wichtigsten Anlie­gen der Netzwerkarbeit gehört deshalb, diese beiden Aspekte der JES-Arbeit - Betroffenenkompetenz und Betroffenensolidarität - auf allen Ebenen gezielt und systematisch zu stabilisieren und weiterzuent­wi­ckeln.

Selbstgewählte Ziele und Gruppenbeziehungen statt therapeutischer Anleitung und Bevormundung

JES arbeitet auf allen Ebenen für die Eigenverantwortung, Selbständig­keit und Souveränität von DrogenkonsumentInnen. Die Grundsätze „Selbstgewählte Ziele statt ideologische Bevormundung” und „Selbst­gewählte Arbeits- und Gruppenbeziehungen statt Fremdorganisation” werden deshalb auch zu Leitideen der Arbeit.

Diese prägen nicht nur die JES-Arbeit auf allen Ebenen des Netzwerks, sondern auch das Verhältnis von JES zum professionellen Hilfesystem. Wir sind uns bewusst, dass wir als Selbsthilfe bei der Bewältigung gruppeninterner oder fachspezifischer Probleme an unsere Grenzen kommen können. Diese zu überschreiten wäre verantwortungslos und fahrlässig. Wir arbeiten deshalb in unserem Netzwerk nicht nur an un­serer eigenen Fähigkeit, rechtzeitig zu erkennen (und anzuer­kennen), ab wann professionelle Hilfe unumgänglich wird. Vielmehr bemühen wir uns auch darum, die erforderliche Kooperation und Durchlässigkeit zwi­schen Selbsthilfe und professionellen Systemen sowie schwellen­lose Zugänge zu letzteren zu entwickeln.

Dieser Ansatz setzt jedoch voraus, dass JES Zugang zum unerläss­li­chen Fachwissen hat. Erst über die Qualifizierung der Selbsthilfe ent­stehen Fähigkeiten, um die eigenen Möglichkeiten realistisch einzu­schätzen sowie kooperativ und partnerschaftlich mit dem professio­nellen Hilfesystem zusammenzuarbeiten. Als bundesweites Netzwerk sehen wir uns hinsichtlich der Entwicklung entsprechender Aus- und Weiterbildungsangebote in großer Verantwortung.

JES-Arbeit will aktiv gestalten

JES arbeitet auf allen Ebenen des Netzwerks aktiv gestaltend und wendet sich gegen das Erzeugen von Passivität, gegen Tendenzen des Ruhigstellens und der fürsorglichen Überbetreuung. Wir verstehen des­halb unser Engagement als MahnerInnen und KritikerInnen des pro­fessionellen Hilfesystems nicht so, dass wir etwa Aufträge an staatliche Einrichtungen erteilten nach dem Motto „Ihr müsst dies und jenes tun”. Vielmehr suchen wir nach eigenen Wegen und Möglichkeiten, um be­stimmte Ziele zu erreichen und anstehende Probleme zu bearbeiten. Mit diesem Grundverständnis setzen wir Selbstorganisation vor das Erteilen von Versorgungsaufträgen und geben dem freiwilligen Enga­gement den Vorrang vor entgeltlicher standardisierter Arbeit.

Einhalten demokratischer Prinzipien

Unserer demokratischen Rolle als Mahner und Modernisierer des pro­fessionellen Hilfesystems können wir nur gerecht werden, wenn wir in unserem Netzwerk selbst eine kritische und - nicht zu vergessen - selbstkritische Haltung gegenüber eingefahrenen Wegen und Vorge­hensweisen pflegen und auch unsere eigenen Kommunikations- und Arbeitsstrukturen stetig hinterfragen. Wir bemühen uns deshalb auf allen Ebenen unseres Netzwerks um eine produktive Diskussions- und Streitkultur sowie um eine Atmosphäre, in der Kritik nicht persönlich verletzend geübt wird. In der Art und Weise, wie wir miteinander umge­hen, soll deutlich werden, dass die Meinung jeder und jedes einzelnen gefragt und gewünscht ist, und zwar unabhängig davon, welche Posi­tion sie oder er im Netzwerk hat, welcher Gruppe sie/er angehört, über wie viel Bildung sie/er verfügt u.ä.

Die Arbeit im Netzwerk wird auf der Grundlage basisdemokratischer Regeln gestaltet. Dazu gehört, dass Interessen einzelner Mitglieder, Gruppen und Regionen offen und demokratisch ausgehandelt werden. Der Entwicklung und Etablierung hierarchischer Systeme und Kontroll­regime, in denen von oben nach unten angewiesen und eingefordert wird und sich bestimmte Entscheidungsträger der Kontrolle und damit auch der Verantwortung entziehen können, wird im Netzwerk entschie­den entgegengetreten. Unvereinbar mit der JES-Arbeit sind zugleich Ansprüche einzelner, in Gremien und der (Fach-)Öffentlichkeit allein und ungefragt für JES vertretungsberechtigt zu sein. Oberstes Prinzip der Arbeitsweise in unserem Netzwerk ist deshalb, über einen syste­matischen Informationsaustausch auf und zwischen allen Ebenen, über die Transparenz von Entscheidungsprozessen und über basisdemokra­tische Mitsprachemöglichkeiten alle Mitglieder, Gruppen und Regional­verbünde aktiv teilhaben zu lassen.