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Selbstverständnis und Profil des bundesweiten JES-NetzwerksJES als Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten greift mit seiner Arbeit die Interessen und Bedürfnisse drogengebrau­chender Menschen auf. Daraus leiten sich die im Folgenden beschriebenen we­sentlichen Aufgaben ab.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die einzelnen JES-Gruppen haben sich in ihren Regionen zu einem so­zialen Netzwerk entwickelt, in dem die helfende, unterstützende und stabilisierende Rolle zwischenmenschlicher Beziehungen zum Tragen kommt. Hier finden sich Menschen, die gleiche Erfahrungen mit Ange­hörigen, FreundInnen oder professionellen HelferInnen gesammelt und ähnliche Schicksale erlebt haben und die unter Stigmatisierung, Aus­grenzung und Diskriminierung leiden. Deshalb ist JES die Gruppe als soziale Gemeinschaft wichtig, in der sich der/die einzelne verstanden, sicher und wohl fühlen kann. Hier können Kontakte aufgebaut, Erfah­rungsaustausch entwickelt und neue soziale Beziehungen gepflegt und kultiviert sowie soziale Geborgenheit und Sicherheit gefunden werden; hier lassen sich Zuwendung, Anerkennung, Zusammenhalt und damit die oft fehlende soziale Unterstützung bei der Bewältigung von Lebens­aufgaben und -krisen erschließen, die andere soziale Zusammenhänge vielfach vorenthalten.Das Leben in den regionalen JES-Gruppen vermittelt zugleich wesent­liche Impulse für die Arbeit an sich selbst und für die Verwirklichung persönlicher Werte. Dazu gehören u.a. Selbsterfahrung, die Entwick­lung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl, das Erfahren von Le­bensfreude und Emanzipation. Das Gruppenleben bietet jeder und je­dem einzelnen Raum, sich neue soziale Verhaltensweisen zu erschlie­ßen, diese einzuüben und zu stabilisieren. In den JES-Gruppen können schließlich die Notwendigkeit und der Vorteil der Gemeinschaft Gleich­wertiger bei der Erarbeitung ganz unmittelbarer, „maßgeschneiderter” und damit passender Hilfen erlebt werden.

Gesellschaftliches Engagement

Wir verstehen uns als Teil der Gesellschaft und JES-AktivistInnen tra­gen durch ihr Engagement deutlich zum Gemeinwohl bei. Die vielfälti­gen positiven Effekte von akzeptierender Drogenselbsthilfe betreffen nicht nur DrogengebraucherInnen selbst. Gesundheitliche Stabilisie­rung und Bewusstsein entlasten in ihrer Konsequenz die Sozialkassen wie die Reintegration in das Berufsleben etc.

Gesellschaftspolitisches Engagement

Die Arbeit im JES-Netzwerk will sich nicht allein darauf beschränken, dem/der einzelnen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Als KonsumentInnen illegalisierter Drogen sind wir täglich damit konfrontiert, dass gesell­schaftliche Rahmenbedingungen ein menschenwürdiges Leben mit Drogen verhindern oder erschweren. Mit der Arbeit im JES-Netzwerk streben wir deshalb auch gesellschaftliche Veränderungen an.

Drogenpolitik als Hauptfeld unseres politischen Wirkens

Dies betrifft vor allem Veränderungen in den gegenwärtigen drogenpoli­tischen Regelungen und Gesetzen. Durch diese sind Drogengebrau­cherInnen einem dauernden Verfolgungsdruck ausgesetzt; sie liefern uns dem Schwarzmarkt mit schlechter und unklarer Stoffqualität, un­si­cherer Versorgung, Überteuerung und seinem kriminellen und gewalt­geprägten Gefüge aus. Sie zwingen uns in Beschaffungsnöte und las­sen für viele von uns Haftaufenthalte zu einer prägenden Lebenserfah­rung werden. Darüber hinaus sind Gesetze und Regelungen für die ge­sundheitliche Gefährdung bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankun­gen drogenkonsumierender Menschen mitverantwortlich. Als von die­sen drogenpolitischen Missständen unmittelbar Betroffene haben wir das Recht und die Pflicht, uns konsequent für eine Neuordnung der Dro­genpolitik einzusetzen. Angesichts der gesellschaftlichen Bedingun­gen kann sich die politische Arbeit von JES nicht nur auf drogenpoliti­sches Engagement beschränken. Notwendig ist es vielmehr, sich in viele Poli­tikbereiche aktiv einzumischen.

Der Erhalt des Solidarprinzips ist im Rahmen sozialpolitischer Arbeit einzufordern. Dieses wird im Zuge des Umbaus des Sozialstaats ge­genwärtig Stück für Stück zu Lasten der sozial Schwachen, zu denen auch viele DrogenkonsumentInnen gehören, aufgelöst. Deshalb leistet JES gegen den so genannten Wertewandel sozialpolitisch Widerstand und treibt, gemeinsam mit seinen „natürlichen” Bündnispartnern - Ver­treterInnen anderer durch die Gesellschaft ausgegrenzter Rand­gruppen - die Entwicklung einer neuen Solidarität voran.Zum anderen ist durch sozialpolitisches Engagement aber auch zu ver­hindern, dass soziale Sicherung und Schutz in behördliche Bevormun­dung, totale Betreuung und Disziplinierung umschlagen. Aus unserer Lebenswirklichkeit wissen wir um den Wert sozialer Unterstützung durch professionelle Hilfesysteme. Wir erfahren aber auch, dass So­zialarbeit zu Überbetreuung und damit zum Passivwerden gerade in je­nen Bereichen der Lebensführung werden kann, in denen Selbstge­staltung unverzichtbar ist. JES trägt deshalb dafür Sorge, dass sich die Leistungen des Sozialstaats an den Bedürfnissen der Drogenkonsu­mentInnen orientieren und Grenzüberschreitungen zurückgewiesen werden. Für das JES-Netzwerk leitet sich daraus die Verpflichtung ab, sein Recht auf Partizipation an und auf Mitgestaltung von Versorgungs­strukturen für DrogenkonsumentInnen einzufordern und aktiv wahrzu­nehmen.

Ausbildung, Arbeit und Beschäftigung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der materielle Sicherheit, soziale An­erkennung und Wertschätzung sowie persönliche Selbstachtung maß­geblich durch Arbeit und Beschäftigung entstehen. Drogenkonsum und zum Teil auch die Behandlung mit Substitutionsmitteln werden je­doch vielfach zum Anlass genommen, uns hiervon auszuschließen oder un­sere Chancen, in diesen Zusammenhängen einen Platz zu finden, stark einzuschränken.

Als JES-Netzwerk setzen wir uns deshalb zum einen dafür ein, dass der private Drogenkonsum und die Behandlung mit Substitutionsmitteln bzw. Originalstoffen nicht mehr zum Anlass genommen werden, die Strafe des Verlustes aller Chancen auf Ausbildung und Erwerbstätigkeit zu verhängen. Wir engagieren uns zum anderen dafür, dass die Be­sonderheiten in unseren Biographien für uns nicht ein Leben lang zu unüberwindbaren Benachteiligungen führen.

Als JES-Netzwerk weisen wir die politisch Verantwortlichen immer wie­der darauf hin, dass Chancengleichheit in Ausbildung und Erwerbs­tä­tigkeit für uns - wie für andere benachteiligte Gruppen auch - bedeu­tet, Rahmenbedingungen eingeräumt zu bekommen, in denen unsere spe­zifischen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Konkret heißt dies bei­spielsweise eine andere Gestaltung der Ausbildung, heißt Arbeits­trai­nings und arbeitsmarktpolitische Unterstützung beim Einstieg in die Er­werbstätigkeit. Erst auf diese Weise erhalten wir die Möglichkeit, Ver­säumnisse und Defizite aufzuarbeiten und uns tatsächlich auch in alle Bereiche des Lebens unserer Gesellschaft zu integrieren.

Wir wissen, dass wir mit unserer Arbeit im JES-Netzwerk vielen unserer Mitglieder die Möglichkeit eröffnen, sich sinnvoll zu beschäftigen, Fä­higkeiten und Fertigkeiten zu erlernen und zu üben sowie Selbst­sicher­heit und Selbstachtung zu erwerben. Das Engagement der/des einzel­nen ist für unsere Drogenselbsthilfe wichtig und richtig. Wir wehren uns jedoch gegen Tendenzen, unsere berechtigten Ansprüche auf eine sinnvolle und gesellschaftlich anerkannte Beschäftigung mit einem Verweis auf die Arbeit im JES-Netzwerk abzutun. Wir arbeiten vielmehr daran mit, dass die Gesellschaft uns echte Integrations­chancen ein­räumt, uns nicht in therapeutische Bezüge abschiebt oder durch kurz­zeitige Beschäftigungsverhältnisse ruhigstellt, aus denen wir aber wie­der herausfallen, womit wir vieles von dem verlieren, was wir uns in dieser Zeit aufbauen konnten.

Gesundheitspolitik

Unser gesundheitspolitisches Engagement ist eng mit unserer drogen­politischen Arbeit verbunden. Als JES-Netzwerk treten wir dafür ein, dass DrogenkonsumentInnen als „normale” PatientInnen behandelt werden und ihnen genauso das selbstverständliche Recht auf Mit­spra­che und Mitentscheidung bei der Festlegung von Behandlungen einge­räumt wird. Die gesellschaftliche Delegation von Ordnungs- und Kon­trollfunktionen an die Medizin transportiert Vorurteile und (Berüh­rungs-)
Ängste auf die ÄrztInnen, so dass wir vielfach nicht ange­messen diagnostiziert und behandelt werden. Oft wird der Aufbau einer vertrau­ensvollen Beziehung zu uns als PatientInnen für unmöglich gehalten, so dass ärztliches Bemühen unterbleibt und stattdessen auf technische, unethische und für uns oft entwürdigende Kontrollpraktiken (z.B. Urin­abgabe unter Sicht/Inspektion des Intimbereichs/Verknüpfung von Be­handlungsmittel mit Bestrafung) zurückgegriffen wird.Schließlich sind wir bis heute damit konfrontiert, dass ÄrztInnen nur ge­ringes oder sehr veraltetes Wissen über unser Leben, unsere ge­sund­heitlichen Probleme und entsprechende Untersuchungs-, Be­hand­lungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten haben. Als JES-Netz­werk arbeiten wir deshalb nicht nur an der Beseitigung von Vorurteilen, Dis­kriminierungen und Unwissenheit im Bereich unserer gesundheit­lichen Betreuung und medizinischen Behandlung mit. Wir setzen un­sere spe­zifischen Kompetenzen auch ein, um an einer fundierten Aus­bildung aller medizinisch Betreuenden und Behandelnden mitzu­wirken und diese zu befähigen, mit uns DrogenkonsumentInnen und unseren Be­dürfnissen und Problemen würdig umzugehen sowie Ver­ständnis für bestimmte Aspekte unseres Lebens zu entwickeln.

Der zunehmenden Entsolidarisierung auch im Gesundheitssystem die sich z.B. in der Privatisierung von vermeintlich selbst verschuldeten Ri­siken und nicht therapiegerechtem Verhalten zeigt, setzt JES aktiven Widerstand entgegen. Diese Symptome sind erste Schritte bei der Ver­abschiedung vom Solidaritätsprinzip, die wir nicht hinnehmen können und wollen.

Vorinstitutionelle Hilfen haben Vorrang vor dem Hilfeapparat

JES arbeitet gegen gesellschaftliche Vorstellungen und ein politisches Verständnis, dass alle Folgeprobleme von Drogenkonsum und Drogenpolitik durch einen immer größer werdenden Hilfeapparat beseitigt werden könnten und müssten. JES setzt dagegen den Anspruch, bei der selbständigen und vorinstitutionellen Regelung und Bearbeitung von Drogen- und Drogenpolitikproblemen gesellschaftlich stärker unterstützt zu werden. Mit diesen Forderungen sieht sich JES als Bündnispartner für andere Selbsthilfegruppen, die sich diesem emanzipatorischen Selbstverständnis bei der Bearbeitung anderer Problemlagen (z.B. Behinderte, AIDS-Bewegung) ebenfalls verpflichtet fühlen.

Sozialanwaltschaftliche Funktion von JES als qualifizierter Wächter und Mahner

Als Vertreter der Interessen von Junkies, Ehemaligen und Substitu­ier­ten kommt dem JES-Netzwerk zugleich eine sozialanwaltschaftliche Funktion zu. Das bundesweite Netzwerk muss dem selten ausgespro­chenen Defizit - der erzeugten Sprachlosigkeit und fehlenden Artikula­tionsfähigkeit vieler Drogen konsumierender Menschen - entgegen­ar­beiten.Gesellschaftliche Ächtung und Pathologisierung tragen wesentlich dazu bei, dass Drogen konsumierende Menschen vielfach nicht die Fähig­keiten und den Mut entwickeln, ihre Interessen zu artikulieren und auf deren Berücksichtigung in politischen Entscheidungsprozessen zu be­stehen. Selbstverständlich finden sich in unserem Netzwerk Menschen mit verschiedenem Bildungsstand zusammen. Wir übersehen nicht, dass viele unserer MitarbeiterInnen nicht die Möglichkeit hatten, Schul- und Ausbildungswege zu beenden und sich anerkannte Bildungsab­schlüsse anzueignen. JES kämpft gegen in Teilen der Gesellschaft verbreitete Borniertheit zu glauben, dass Menschen mit geringen Bil­dungsabschlüssen nicht in der Lage oder fähig seien, ihre Probleme aus eigener Kraft zu bewältigen und sich für ihre Interessen selbst ein­zusetzen.

Neben den Barrieren in der eigenen Artikulationsfähigkeit sehen wir uns zugleich vor die Tatsache gestellt, dass DrogenkonsumentInnen in der Gesellschaft kaum eine Lobby haben. Die Interessen von Junkies, Ehemaligen und Substituierten werden in der Regel nur von denjenigen HelferInnen aufgegriffen, die durch ihre berufliche Praxis unmittelbar mit den Lebenssituationen Drogen konsumierender Menschen konfrontiert sind. Obwohl die stellvertretende Interessenvertretung durch professio­nelle Hilfesysteme wichtig ist, darf jedoch nicht übersehen werden, dass damit nur ein kleiner, wenn auch wichtiger Ausschnitt der Interessen von DrogenkonsumentInnen aufgegriffen wird, JES nimmt deshalb energisch die Artikulation, das Einbringen und Durchsetzen der Inte­ressen von DrogenkonsumentInnen in die eigenen Hände. Dies be­deutet, stetig die sich verändernden Rahmenbedingungen für be­stimmte Lebenslagen Drogen konsumierender Frauen und Männer zu prüfen, auf benachteiligende Entwicklungen aufmerksam zu machen und Versorgungslücken zu identifizieren.Seine Rolle als qualifizierter Wächter und legitimer Mahner lässt sich JES nicht als „unangemessene Anspruchshaltung” diskreditieren. In seiner Funktion als Sozialanwalt versteht sich JES vielmehr als Inte­ressenverband von DrogenkonsumentInnen. Dieser nimmt mit seiner Arbeit sein legitimes Recht auf demokratische Mitsprache und Mitge­s­taltung wahr und will über die Berücksichtigung seines Willens zur Mit­gestaltung und das Einmischen in soziale Belange dazu beitragen, dass wir DrogengebraucherInnen uns auch mit dem Gemeinwohl iden­tifizie­ren, dieses respektieren und schützen.

JES als kritisches Gegenüber des Drogenhilfesystems

Selbsthilfe - besonders die von DrogenkonsumentInnen, die auf ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben mit Drogen besteht - sieht sich nach wie vor mit Abwehr und Ressentiments professioneller Helfer­Innen konfrontiert. Konstruktive Ansätze, sich auf eine kooperative Zu­sammenarbeit mit JES einzulassen, sind nicht die Regel und, beson­ders bei akzeptierend arbeitenden Drogen- und AIDS-Hilfen, zu finden.

Dieser Grundsatz ändert nichts daran, dass nach wie vor Mitarbei­ter­Innen aus der Drogenhilfe, dem medizinischen und sozialen Bereich, die Ihren Zugang zum Thema über eine berufliche Qualifikation finden, JES-MitarbeiterInnen mit mehr oder weniger offen formulierter Skepsis begegnen. Dies hat seine Ursachen nicht nur in Erfahrungen und Vor­urteilen. Die Funktion von JES als kritisches Gegenüber dieses Sys­tems durchbricht auch die Interessen vieler Hilfeeinrichtungen an der Sicherung ihrer „Besitzstände”, verunsichert und erzeugt Abstand. Als kritischer Begleiter von Entwicklungen im professionellen Hilfesystem geht JES davon aus, dass Professionalität besondere Qualitäten ent­wickelt. Diese ergeben sich vor allem aus der Fachlichkeit, der beruf­lichen Spezialisierung, der erwerbstätig motivierten Arbeit und, nicht zu vergessen, aus der gesicherten Existenz der Hilfeleistenden. Diese Wesenszüge professioneller Hilfeleistung stellen sich nicht nur als Vor­teile dar. Sie werden, unter anderen Aspekten betrachtet, zugleich zu deren Grenzen. Sie bringen nicht nur eigendynamische Interessen an der Bestandssicherung hervor, sondern prägen auch Tendenzen, sich an Kosten und Methoden zu orientieren. Sie verengen überdies den Blick für die Veränderung alter und die Entwicklung neuer Problem­la­gen.

Als Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten sind uns die aktuellen Bedürfnisse und Interessen Drogen konsumierender Men­schen unmittelbar zugänglich. Deshalb kann JES als Frühwarnsystem für aktuelle und neue Probleme fungieren und frühzeitig den künftigen Bedarf für professionelle Hilfsangebote aufzeigen. Als kritisches Ge­genüber wirkt JES zugleich darauf hin, dass Professionelle unter quali­tativ hochwertiger Arbeit nicht nur die Einhaltung festgelegter Arbeits­standards (miss-)verstehen. Über die Auseinandersetzung erhält das professionelle Hilfesystem wesentliche Impulse, um ergebnisorientier­tere und bedürfnisgerechtere Angebote zu entwickeln. In diesem Sinne gehen wir davon aus, dass das Hilfesystem im Prozess der Entwicklung professioneller Hilfeleistungen auf JES als seinen kritischen Begleiter angewiesen ist. JES versteht sich damit als Impulsgeber für die Moder­nisierung bestehender professioneller Ansätze Wir sind uns bewusst, dass wir diese Funktion immer gegen Widerstände und Ignoranz, die oft auch mit Zurückweisungen und Verletzungen verbunden werden, durchsetzen müssen. Deshalb haben wir im Netzwerk immer auch ge­gen eigene Entmutigung und Resignation zu arbeiten.

JES als Leistungsanbieter und Teil des Hilfesystems

In seinem Selbstverständnis geht JES davon aus, dass Selbsthilfe und professionelle Dienstleistungserbringung sehr unterschiedliche Grund­lagen haben, von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen und andere Ziele anstreben. Die besondere Stärke des Selbsthilfenetzwerks liegt in dem von JES entwickelten und an den Betroffenenkompetenzen ansetzenden spezifischen Zugang zu den Hilfesuchenden und ihren Problemen. Über die Entwicklung und Stärkung informeller Netzwerke können neue und qualitativ andere als dem professionellen Hilfesystem zugängliche Potentiale erschlossen werden. Selbsthilfe schafft es zugleich, Betroffene auf andere Weise zu aktivieren und damit bisher kaum oder gar nicht genutzte Kompetenzen und Ressourcen zu nutzen, zu stärken und zu festigen.

Die Besonderheiten der JES-Arbeit bestehen zugleich in den ent­wi­ckelten Organisations- und Vernetzungsformen, die nahe bei oder un­mittelbar in den Lebenswelten von DrogengebraucherInnen etabliert sind. JES-Arbeit zeichnet nicht zuletzt die Kombination von Selbsthilfe­ansätzen und erworbener fachlicher Beratung aus. Sie fördert auf be­sondere Weise innovative Impulse und methodische Phantasie in der Entwicklung von Hilfe und Unterstützung.

JES-Arbeit könnte als ideenreiches Lernfeld für professionelle Bereiche besonders attraktiv sein. Folgerichtig liegt nahe, Eigenarbeit von Be­troffenen und professionelles Fachwissen zum gegenseitigen Vorteil zu verknüpfen. JES versteht seine Angebote an Hilfe und Unterstützung deshalb eher als Ergänzung zu professioneller Hilfeleistung und damit als Erhöhung der Wirksamkeit entsprechender Angebote. In diesem Sinne verhalten sich JES-Angebote zum professionellen Hilfesystem eher komplementär als konkurrent. In dieser Funktion hat sich JES be­reits als verantwortungsbewusster, zuverlässiger und ökonomisch „ge­winnbringender” Partner des Versorgungssystems erwiesen. Diese Er­fahrungen will JES stabilisieren und weiterentwickeln.Nicht übersehen werden darf jedoch, dass das Entstehen von Initiativen und Angeboten der JES-Gruppen häufig Indikator für alte ungelöste und/oder neu auftretende Probleme sowie für Versorgungslücken im professionellen Hilfesystem ist. Als Interessenvertreter Drogen konsu­mierender Menschen sieht sich JES in der Verantwortung, in diesen Ausnahmesituationen auch Leistungen anzubieten, die diese Lücken kompensieren. Diese Leistungen müssen aber letztlich vom professio­nellen Hilfesystem erbracht werden.

JES will und kann nicht die Institution sein, an die schwierige, unattrak­tive und der Kosteneffizienz der Leistungsträger widersprechende Ar­beit abgeschoben wird. Eine solche „Arbeitsteilung” zwischen pro­fes­sionellem Hilfesystem und Drogenselbsthilfe überfordert nicht nur die Möglichkeiten der Selbsthilfe, sondern führt auch dazu, dass die spezi­fischen Möglichkeiten und Ressourcen der Selbsthilfe verschüttet wer­den.