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Selbstverständnis und Profil des bundesweiten JES-Netzwerks

Selbstverständnis und Profil des bundesweiten JES-Netzwerks

Wer und was ist JES?

Was uns verbindet

Wir haben uns bei JES zusammengefunden, weil es in unserer Biogra­phie Abschnitte gibt, in denen wir uns als Junkie, Ehemalige/r oder Substitutierte/r verstehen. Im bundesweiten Netzwerk JES mit seiner Vielzahl von regionalen Gruppen knüpfen wir an Erfahrungen an, die wir mit bestimmten psychoaktiven Substanzen, besonders aber nicht ausschließlich mit Opiaten, Amphetaminen und Kokain gesammelt ha­ben. Die Integration dieser Drogen ins eigene Leben ist jeder/jedem einzelnen von uns sehr unterschiedlich gelungen.Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen verbinden uns ebenso gemeinsame Erfahrungen mit Lebensmilieus, die sich durch bestimmte Vorlieben auszeichnen, z.B. durch bestimmte Vor­stellungen vom Leben generell, von der Art des Zusammenlebens und der Kommunikation. Nicht zuletzt verbindet uns die Integration in Dro­genszenen mit teilweise eigenem kulturellen Selbstverständnis, ge­meinsamen Werten und Konsumritualen.

Zu den Erfahrungen, durch die wir uns zusammengehörig fühlen, gehö­ren für viele von uns aber auch Kriminalisierung, Strafverfolgung, Haft und Illegalität, gesellschaftliche Ausgrenzung, Stigmatisierung, syste­matische Benachteiligung, oft auch Armut, Obdachlosigkeit, gesund­heitliche Gefährdung, frühzeitiges Sterben von FreundInnen und Weg­gefährtInnen sowie die Rolle als PatientIn oder KlientIn im Drogenhilfe­system.

JES besteht nicht aus Schubläden

Als Drogen konsumierende Menschen sind wir immer wieder mit Sim­plifizierungen konfrontiert, mit denen ein Leben mit Drogen von der Öffentlichkeit im Allgemeinen wahrgenommen wird. Aus unserer Le­benswirklichkeit wissen wir, dass so genannte Drogenkarrieren, die angeblich „automatisch“ und geradlinig in sozialem Abstieg, Zerstörung der Persönlichkeit und frühem Tod enden, nicht die Regel sind. An uns, den AktivistInnen des JES-Netzwerks, lässt sich indes erkennen: ein Leben mit Drogen kann sich sehr dynamisch, mit unterschiedlichen Phasen, Fort- und Rückentwicklungen, Brüchen und Sprüngen gestal­ten. Denkschablonen und Etiketten beschreiben dies nicht nur falsch, sondern behindern uns durch ihre Stigmatisierungswirkung in unserer Entwicklung. JES weist derartige Denkmuster entschieden zurück.

In der Art und Weise, wie wir uns als JES-Netzwerk selbst verstehen, verdeutlichen wir, dass hier Menschen zusammenarbeiten, die sich flexibel in den Lebensmustern „Junkie“, „Ehemalige/r“ und „Substitu­ierte/r“ bewegen. JES greift die Interessen und Bedürfnisse Drogen gebrauchender Menschen in deren jeweils konkreten Lebenssituationen auf.

Dabei steht:

J für „Junkie“ und damit als Symbol für eine durch die Prohibition er­zeugte Lebenssituation, die geprägt ist durch Szeneleben, Illegali­tät, somit häufig durch Kriminalität, Armut, Obdachlosigkeit, Verlust­ängste, Prostitution, Gesundheitsgefährdung, aber oft auch durch Ge­nuss, Zu­sammengehörigkeit und Abenteuer.

E für „Ehemalige/r“, wobei hiermit nicht automatisch ein abstinentes Leben verbunden sein muss, dies aber durchaus auch so sein kann. „Ehemalig“ kann auch die erfolgreiche Integration von Drogen in das Leben bedeuten.

S für „Substituierte/r“, deren Leben durch die ärztliche Vergabe eines Medikamentes geprägt ist. Dieses Leben beinhaltet sowohl Mög­lich­keiten zur Reintegration und Rehabilitation, gesundheitliche Stabili­sie­rung, Befreiung von Drogenproblemen, aber auch fremdbe­stimmte Kontrolle, Bevormundung und Perspektivlosigkeit hinsichtlich selbstbe­stimmter Integration in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

JES ist keine Selbsthilfe allein der Substituierten

Gegenwärtig wird die fortlaufende Arbeit im JES-Netzwerk in der Regel von substituierten Frauen und Männern getragen. Dieses Erschei­nungsbild führt oft zu der Fehleinschätzung, JES sei eine Selbsthilfe allein für Substituierte. Übersehen wird dabei, dass die Arbeitsweise dieses Netzwerks Ergebnis der drogenpolitischen Bedingungen ist, unter denen Drogen konsumierende Menschen nicht nur in Deutsch­land gegenwärtig leben müssen. Während ein Leben als Junkie wenig Zeit und Kraft für stabile und zuverlässige Arbeit in unserem Netzwerk lässt, gefährdet das Bekenntnis Ehemaliger zu ihrem Leben mit Drogen die oft mühsam errungene Integration in soziale Bezüge der so ge­nannten „Normalgesellschaft“. Insofern ist nachvollziehbar, dass be­sonders Substituierte ihre, auch durch die Substitution eingeräumten Möglichkeiten nutzen, um sich für die eigenen, aber vor allem auch für die Bedürfnisse und Belange anderer drogenkonsumierender Men­schen einzusetzen.

Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen

Die Bezeichnung JES signalisiert nicht zufällig eine Bejahung. Sie ver­steht sich ausdrücklich als Entgegnung auf drogenpolitische Slogans, die im Sinne von „Say NO!“ moralisieren. Der Name verdeutlicht, dass der Konsum von Drogen nicht grundsätzlich und von sich aus negativ ist, das Leben in den Drogenszenen nicht nur schwierige, zerstöreri­sche Seiten hat und die mögliche Abhängigkeit von psychoaktiven Sub­stanzen nicht immer zu einer Behinderung werden muss. Die Integra­tion des Drogenkonsums ins Leben gelingt unterschiedlich. Je erfolg­reicher dieser durchaus anspruchsvolle Prozess verläuft, desto mehr können die Menschen für ihr Leben insgesamt daraus gewinnen. JES steht deshalb auch als Provokation gegen einfaches Denken, das nur „Alles oder Nichts“, „Abstinenz oder Elend“ kennt.

Die Gesellschaft gibt für ein Leben mit Drogen wesentliche Rahmenbe­dingungen vor. Diese sind gegenwärtig dafür verantwortlich, dass viele Drogen gebrauchende Frauen und Männer an der Aufgabe der Integra­tion von Drogen in ihr Leben scheitern. Die schmerzlichen Erfahrungen, die viele von uns in diesem Zusammenhang sammeln mussten, prägen die Verantwortung, mit der wir uns für den Umgang mit Drogen in der Gesellschaft engagieren.

Der von uns gewählte Grundsatz „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen“ ist als Minimalkonsens für alle Gruppen im JES-Netzwerk ver­bindlich. Er stellt die Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit dar. Oft wird er als Aufforderung zum Drogenkonsum missverstanden. Wir wis­sen aber, dass unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rah­menbe­dingungen ein Leben mit Drogen oft mit gesundheitlichen Ge­fährdun­gen, Verletzungen der Menschenwürde, mit Rechtlosigkeit und Diskri­minierung verbunden ist. Vor diesem Hintergrund, besonders aber weil wir das Selbstbestimmungsrecht eines/r jeden auch in Bezug auf die Entscheidung für oder gegen den Konsum bestimmter psychoakti­ver Substanzen respektieren und einfordern, sind wir JES-Mitglieder weit davon entfernt, Drogenkonsum zu idealisieren und zu propagieren.

Als Leitidee unseres Netzwerks orientiert „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen“ jedoch auf das gemeinsame Ziel, gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen auch mit Drogen men­schenwürdig, d.h. ohne die Bedrohung durch Strafverfolgung, Ausgren­zung, Stigmatisierung, Pathologisierung und permanente Benachteili­gung leben können. JES akzeptiert nicht nur die Menschen, die selbst­bestimmt darüber entscheiden wollen, welche Drogen sie konsumieren. Mit unserer Arbeit unterstützen wir DrogenkonsumentInnen, indem wir auf entsprechende Rahmenbedingungen hinwirken oder diese auch selbst schaffen, Wissen vermitteln sowie dazu ermutigen und moti­vie­ren, Fähigkeiten und Kompetenzen zu entwickeln, um fremd- und selbstzerstörerischen Drogengebrauch zu vermeiden (Safer Use). Es gilt einen Lebensstil zu ermöglichen, der niemanden schädigt, sondern Selbständigkeit, Selbstachtung und Lebensfreude beinhaltet.

 

Aufgaben von JES

JES als Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten greift mit seiner Arbeit die Interessen und Bedürfnisse drogengebrau­chender Menschen auf. Daraus leiten sich die im Folgenden beschriebenen we­sentlichen Aufgaben ab.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die einzelnen JES-Gruppen haben sich in ihren Regionen zu einem so­zialen Netzwerk entwickelt, in dem die helfende, unterstützende und stabilisierende Rolle zwischenmenschlicher Beziehungen zum Tragen kommt. Hier finden sich Menschen, die gleiche Erfahrungen mit Ange­hörigen, FreundInnen oder professionellen HelferInnen gesammelt und ähnliche Schicksale erlebt haben und die unter Stigmatisierung, Aus­grenzung und Diskriminierung leiden. Deshalb ist JES die Gruppe als soziale Gemeinschaft wichtig, in der sich der/die einzelne verstanden, sicher und wohl fühlen kann. Hier können Kontakte aufgebaut, Erfah­rungsaustausch entwickelt und neue soziale Beziehungen gepflegt und kultiviert sowie soziale Geborgenheit und Sicherheit gefunden werden; hier lassen sich Zuwendung, Anerkennung, Zusammenhalt und damit die oft fehlende soziale Unterstützung bei der Bewältigung von Lebens­aufgaben und -krisen erschließen, die andere soziale Zusammenhänge vielfach vorenthalten.Das Leben in den regionalen JES-Gruppen vermittelt zugleich wesent­liche Impulse für die Arbeit an sich selbst und für die Verwirklichung persönlicher Werte. Dazu gehören u.a. Selbsterfahrung, die Entwick­lung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl, das Erfahren von Le­bensfreude und Emanzipation. Das Gruppenleben bietet jeder und je­dem einzelnen Raum, sich neue soziale Verhaltensweisen zu erschlie­ßen, diese einzuüben und zu stabilisieren. In den JES-Gruppen können schließlich die Notwendigkeit und der Vorteil der Gemeinschaft Gleich­wertiger bei der Erarbeitung ganz unmittelbarer, „maßgeschneiderter“ und damit passender Hilfen erlebt werden.

Gesellschaftliches Engagement

Wir verstehen uns als Teil der Gesellschaft und JES-AktivistInnen tra­gen durch ihr Engagement deutlich zum Gemeinwohl bei. Die vielfälti­gen positiven Effekte von akzeptierender Drogenselbsthilfe betreffen nicht nur DrogengebraucherInnen selbst. Gesundheitliche Stabilisie­rung und Bewusstsein entlasten in ihrer Konsequenz die Sozialkassen wie die Reintegration in das Berufsleben etc.

Gesellschaftspolitisches Engagement

Die Arbeit im JES-Netzwerk will sich nicht allein darauf beschränken, dem/der einzelnen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Als KonsumentInnen illegalisierter Drogen sind wir täglich damit konfrontiert, dass gesell­schaftliche Rahmenbedingungen ein menschenwürdiges Leben mit Drogen verhindern oder erschweren. Mit der Arbeit im JES-Netzwerk streben wir deshalb auch gesellschaftliche Veränderungen an.

Drogenpolitik als Hauptfeld unseres politischen Wirkens

Dies betrifft vor allem Veränderungen in den gegenwärtigen drogenpoli­tischen Regelungen und Gesetzen. Durch diese sind Drogengebrau­cherInnen einem dauernden Verfolgungsdruck ausgesetzt; sie liefern uns dem Schwarzmarkt mit schlechter und unklarer Stoffqualität, un­si­cherer Versorgung, Überteuerung und seinem kriminellen und gewalt­geprägten Gefüge aus. Sie zwingen uns in Beschaffungsnöte und las­sen für viele von uns Haftaufenthalte zu einer prägenden Lebenserfah­rung werden. Darüber hinaus sind Gesetze und Regelungen für die ge­sundheitliche Gefährdung bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankun­gen drogenkonsumierender Menschen mitverantwortlich. Als von die­sen drogenpolitischen Missständen unmittelbar Betroffene haben wir das Recht und die Pflicht, uns konsequent für eine Neuordnung der Dro­genpolitik einzusetzen. Angesichts der gesellschaftlichen Bedingun­gen kann sich die politische Arbeit von JES nicht nur auf drogenpoliti­sches Engagement beschränken. Notwendig ist es vielmehr, sich in viele Poli­tikbereiche aktiv einzumischen.

Der Erhalt des Solidarprinzips ist im Rahmen sozialpolitischer Arbeit einzufordern. Dieses wird im Zuge des Umbaus des Sozialstaats ge­genwärtig Stück für Stück zu Lasten der sozial Schwachen, zu denen auch viele DrogenkonsumentInnen gehören, aufgelöst. Deshalb leistet JES gegen den so genannten Wertewandel sozialpolitisch Widerstand und treibt, gemeinsam mit seinen „natürlichen“ Bündnispartnern – Ver­treterInnen anderer durch die Gesellschaft ausgegrenzter Rand­gruppen – die Entwicklung einer neuen Solidarität voran.Zum anderen ist durch sozialpolitisches Engagement aber auch zu ver­hindern, dass soziale Sicherung und Schutz in behördliche Bevormun­dung, totale Betreuung und Disziplinierung umschlagen. Aus unserer Lebenswirklichkeit wissen wir um den Wert sozialer Unterstützung durch professionelle Hilfesysteme. Wir erfahren aber auch, dass So­zialarbeit zu Überbetreuung und damit zum Passivwerden gerade in je­nen Bereichen der Lebensführung werden kann, in denen Selbstge­staltung unverzichtbar ist. JES trägt deshalb dafür Sorge, dass sich die Leistungen des Sozialstaats an den Bedürfnissen der Drogenkonsu­mentInnen orientieren und Grenzüberschreitungen zurückgewiesen werden. Für das JES-Netzwerk leitet sich daraus die Verpflichtung ab, sein Recht auf Partizipation an und auf Mitgestaltung von Versorgungs­strukturen für DrogenkonsumentInnen einzufordern und aktiv wahrzu­nehmen.

Ausbildung, Arbeit und Beschäftigung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der materielle Sicherheit, soziale An­erkennung und Wertschätzung sowie persönliche Selbstachtung maß­geblich durch Arbeit und Beschäftigung entstehen. Drogenkonsum und zum Teil auch die Behandlung mit Substitutionsmitteln werden je­doch vielfach zum Anlass genommen, uns hiervon auszuschließen oder un­sere Chancen, in diesen Zusammenhängen einen Platz zu finden, stark einzuschränken.

Als JES-Netzwerk setzen wir uns deshalb zum einen dafür ein, dass der private Drogenkonsum und die Behandlung mit Substitutionsmitteln bzw. Originalstoffen nicht mehr zum Anlass genommen werden, die Strafe des Verlustes aller Chancen auf Ausbildung und Erwerbstätigkeit zu verhängen. Wir engagieren uns zum anderen dafür, dass die Be­sonderheiten in unseren Biographien für uns nicht ein Leben lang zu unüberwindbaren Benachteiligungen führen.

Als JES-Netzwerk weisen wir die politisch Verantwortlichen immer wie­der darauf hin, dass Chancengleichheit in Ausbildung und Erwerbs­tä­tigkeit für uns – wie für andere benachteiligte Gruppen auch – bedeu­tet, Rahmenbedingungen eingeräumt zu bekommen, in denen unsere spe­zifischen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Konkret heißt dies bei­spielsweise eine andere Gestaltung der Ausbildung, heißt Arbeits­trai­nings und arbeitsmarktpolitische Unterstützung beim Einstieg in die Er­werbstätigkeit. Erst auf diese Weise erhalten wir die Möglichkeit, Ver­säumnisse und Defizite aufzuarbeiten und uns tatsächlich auch in alle Bereiche des Lebens unserer Gesellschaft zu integrieren.

Wir wissen, dass wir mit unserer Arbeit im JES-Netzwerk vielen unserer Mitglieder die Möglichkeit eröffnen, sich sinnvoll zu beschäftigen, Fä­higkeiten und Fertigkeiten zu erlernen und zu üben sowie Selbst­sicher­heit und Selbstachtung zu erwerben. Das Engagement der/des einzel­nen ist für unsere Drogenselbsthilfe wichtig und richtig. Wir wehren uns jedoch gegen Tendenzen, unsere berechtigten Ansprüche auf eine sinnvolle und gesellschaftlich anerkannte Beschäftigung mit einem Verweis auf die Arbeit im JES-Netzwerk abzutun. Wir arbeiten vielmehr daran mit, dass die Gesellschaft uns echte Integrations­chancen ein­räumt, uns nicht in therapeutische Bezüge abschiebt oder durch kurz­zeitige Beschäftigungsverhältnisse ruhigstellt, aus denen wir aber wie­der herausfallen, womit wir vieles von dem verlieren, was wir uns in dieser Zeit aufbauen konnten.

Gesundheitspolitik

Unser gesundheitspolitisches Engagement ist eng mit unserer drogen­politischen Arbeit verbunden. Als JES-Netzwerk treten wir dafür ein, dass DrogenkonsumentInnen als „normale“ PatientInnen behandelt werden und ihnen genauso das selbstverständliche Recht auf Mit­spra­che und Mitentscheidung bei der Festlegung von Behandlungen einge­räumt wird. Die gesellschaftliche Delegation von Ordnungs- und Kon­trollfunktionen an die Medizin transportiert Vorurteile und (Berüh­rungs-)
Ängste auf die ÄrztInnen, so dass wir vielfach nicht ange­messen diagnostiziert und behandelt werden. Oft wird der Aufbau einer vertrau­ensvollen Beziehung zu uns als PatientInnen für unmöglich gehalten, so dass ärztliches Bemühen unterbleibt und stattdessen auf technische, unethische und für uns oft entwürdigende Kontrollpraktiken (z.B. Urin­abgabe unter Sicht/Inspektion des Intimbereichs/Verknüpfung von Be­handlungsmittel mit Bestrafung) zurückgegriffen wird.Schließlich sind wir bis heute damit konfrontiert, dass ÄrztInnen nur ge­ringes oder sehr veraltetes Wissen über unser Leben, unsere ge­sund­heitlichen Probleme und entsprechende Untersuchungs-, Be­hand­lungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten haben. Als JES-Netz­werk arbeiten wir deshalb nicht nur an der Beseitigung von Vorurteilen, Dis­kriminierungen und Unwissenheit im Bereich unserer gesundheit­lichen Betreuung und medizinischen Behandlung mit. Wir setzen un­sere spe­zifischen Kompetenzen auch ein, um an einer fundierten Aus­bildung aller medizinisch Betreuenden und Behandelnden mitzu­wirken und diese zu befähigen, mit uns DrogenkonsumentInnen und unseren Be­dürfnissen und Problemen würdig umzugehen sowie Ver­ständnis für bestimmte Aspekte unseres Lebens zu entwickeln.

Der zunehmenden Entsolidarisierung auch im Gesundheitssystem die sich z.B. in der Privatisierung von vermeintlich selbst verschuldeten Ri­siken und nicht therapiegerechtem Verhalten zeigt, setzt JES aktiven Widerstand entgegen. Diese Symptome sind erste Schritte bei der Ver­abschiedung vom Solidaritätsprinzip, die wir nicht hinnehmen können und wollen.

Vorinstitutionelle Hilfen haben Vorrang vor dem Hilfeapparat

JES arbeitet gegen gesellschaftliche Vorstellungen und ein politisches Verständnis, dass alle Folgeprobleme von Drogenkonsum und Drogenpolitik durch einen immer größer werdenden Hilfeapparat beseitigt werden könnten und müssten. JES setzt dagegen den Anspruch, bei der selbständigen und vorinstitutionellen Regelung und Bearbeitung von Drogen- und Drogenpolitikproblemen gesellschaftlich stärker unterstützt zu werden. Mit diesen Forderungen sieht sich JES als Bündnispartner für andere Selbsthilfegruppen, die sich diesem emanzipatorischen Selbstverständnis bei der Bearbeitung anderer Problemlagen (z.B. Behinderte, AIDS-Bewegung) ebenfalls verpflichtet fühlen.

Sozialanwaltschaftliche Funktion von JES als qualifizierter Wächter und Mahner

Als Vertreter der Interessen von Junkies, Ehemaligen und Substitu­ier­ten kommt dem JES-Netzwerk zugleich eine sozialanwaltschaftliche Funktion zu. Das bundesweite Netzwerk muss dem selten ausgespro­chenen Defizit – der erzeugten Sprachlosigkeit und fehlenden Artikula­tionsfähigkeit vieler Drogen konsumierender Menschen – entgegen­ar­beiten.Gesellschaftliche Ächtung und Pathologisierung tragen wesentlich dazu bei, dass Drogen konsumierende Menschen vielfach nicht die Fähig­keiten und den Mut entwickeln, ihre Interessen zu artikulieren und auf deren Berücksichtigung in politischen Entscheidungsprozessen zu be­stehen. Selbstverständlich finden sich in unserem Netzwerk Menschen mit verschiedenem Bildungsstand zusammen. Wir übersehen nicht, dass viele unserer MitarbeiterInnen nicht die Möglichkeit hatten, Schul- und Ausbildungswege zu beenden und sich anerkannte Bildungsab­schlüsse anzueignen. JES kämpft gegen in Teilen der Gesellschaft verbreitete Borniertheit zu glauben, dass Menschen mit geringen Bil­dungsabschlüssen nicht in der Lage oder fähig seien, ihre Probleme aus eigener Kraft zu bewältigen und sich für ihre Interessen selbst ein­zusetzen.

Neben den Barrieren in der eigenen Artikulationsfähigkeit sehen wir uns zugleich vor die Tatsache gestellt, dass DrogenkonsumentInnen in der Gesellschaft kaum eine Lobby haben. Die Interessen von Junkies, Ehemaligen und Substituierten werden in der Regel nur von denjenigen HelferInnen aufgegriffen, die durch ihre berufliche Praxis unmittelbar mit den Lebenssituationen Drogen konsumierender Menschen konfrontiert sind. Obwohl die stellvertretende Interessenvertretung durch professio­nelle Hilfesysteme wichtig ist, darf jedoch nicht übersehen werden, dass damit nur ein kleiner, wenn auch wichtiger Ausschnitt der Interessen von DrogenkonsumentInnen aufgegriffen wird, JES nimmt deshalb energisch die Artikulation, das Einbringen und Durchsetzen der Inte­ressen von DrogenkonsumentInnen in die eigenen Hände. Dies be­deutet, stetig die sich verändernden Rahmenbedingungen für be­stimmte Lebenslagen Drogen konsumierender Frauen und Männer zu prüfen, auf benachteiligende Entwicklungen aufmerksam zu machen und Versorgungslücken zu identifizieren.Seine Rolle als qualifizierter Wächter und legitimer Mahner lässt sich JES nicht als „unangemessene Anspruchshaltung“ diskreditieren. In seiner Funktion als Sozialanwalt versteht sich JES vielmehr als Inte­ressenverband von DrogenkonsumentInnen. Dieser nimmt mit seiner Arbeit sein legitimes Recht auf demokratische Mitsprache und Mitge­s­taltung wahr und will über die Berücksichtigung seines Willens zur Mit­gestaltung und das Einmischen in soziale Belange dazu beitragen, dass wir DrogengebraucherInnen uns auch mit dem Gemeinwohl iden­tifizie­ren, dieses respektieren und schützen.

JES als kritisches Gegenüber des Drogenhilfesystems

Selbsthilfe – besonders die von DrogenkonsumentInnen, die auf ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben mit Drogen besteht – sieht sich nach wie vor mit Abwehr und Ressentiments professioneller Helfer­Innen konfrontiert. Konstruktive Ansätze, sich auf eine kooperative Zu­sammenarbeit mit JES einzulassen, sind nicht die Regel und, beson­ders bei akzeptierend arbeitenden Drogen- und AIDS-Hilfen, zu finden.

Dieser Grundsatz ändert nichts daran, dass nach wie vor Mitarbei­ter­Innen aus der Drogenhilfe, dem medizinischen und sozialen Bereich, die Ihren Zugang zum Thema über eine berufliche Qualifikation finden, JES-MitarbeiterInnen mit mehr oder weniger offen formulierter Skepsis begegnen. Dies hat seine Ursachen nicht nur in Erfahrungen und Vor­urteilen. Die Funktion von JES als kritisches Gegenüber dieses Sys­tems durchbricht auch die Interessen vieler Hilfeeinrichtungen an der Sicherung ihrer „Besitzstände“, verunsichert und erzeugt Abstand. Als kritischer Begleiter von Entwicklungen im professionellen Hilfesystem geht JES davon aus, dass Professionalität besondere Qualitäten ent­wickelt. Diese ergeben sich vor allem aus der Fachlichkeit, der beruf­lichen Spezialisierung, der erwerbstätig motivierten Arbeit und, nicht zu vergessen, aus der gesicherten Existenz der Hilfeleistenden. Diese Wesenszüge professioneller Hilfeleistung stellen sich nicht nur als Vor­teile dar. Sie werden, unter anderen Aspekten betrachtet, zugleich zu deren Grenzen. Sie bringen nicht nur eigendynamische Interessen an der Bestandssicherung hervor, sondern prägen auch Tendenzen, sich an Kosten und Methoden zu orientieren. Sie verengen überdies den Blick für die Veränderung alter und die Entwicklung neuer Problem­la­gen.

Als Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten sind uns die aktuellen Bedürfnisse und Interessen Drogen konsumierender Men­schen unmittelbar zugänglich. Deshalb kann JES als Frühwarnsystem für aktuelle und neue Probleme fungieren und frühzeitig den künftigen Bedarf für professionelle Hilfsangebote aufzeigen. Als kritisches Ge­genüber wirkt JES zugleich darauf hin, dass Professionelle unter quali­tativ hochwertiger Arbeit nicht nur die Einhaltung festgelegter Arbeits­standards (miss-)verstehen. Über die Auseinandersetzung erhält das professionelle Hilfesystem wesentliche Impulse, um ergebnisorientier­tere und bedürfnisgerechtere Angebote zu entwickeln. In diesem Sinne gehen wir davon aus, dass das Hilfesystem im Prozess der Entwicklung professioneller Hilfeleistungen auf JES als seinen kritischen Begleiter angewiesen ist. JES versteht sich damit als Impulsgeber für die Moder­nisierung bestehender professioneller Ansätze Wir sind uns bewusst, dass wir diese Funktion immer gegen Widerstände und Ignoranz, die oft auch mit Zurückweisungen und Verletzungen verbunden werden, durchsetzen müssen. Deshalb haben wir im Netzwerk immer auch ge­gen eigene Entmutigung und Resignation zu arbeiten.

JES als Leistungsanbieter und Teil des Hilfesystems

In seinem Selbstverständnis geht JES davon aus, dass Selbsthilfe und professionelle Dienstleistungserbringung sehr unterschiedliche Grund­lagen haben, von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen und andere Ziele anstreben. Die besondere Stärke des Selbsthilfenetzwerks liegt in dem von JES entwickelten und an den Betroffenenkompetenzen ansetzenden spezifischen Zugang zu den Hilfesuchenden und ihren Problemen. Über die Entwicklung und Stärkung informeller Netzwerke können neue und qualitativ andere als dem professionellen Hilfesystem zugängliche Potentiale erschlossen werden. Selbsthilfe schafft es zugleich, Betroffene auf andere Weise zu aktivieren und damit bisher kaum oder gar nicht genutzte Kompetenzen und Ressourcen zu nutzen, zu stärken und zu festigen.

Die Besonderheiten der JES-Arbeit bestehen zugleich in den ent­wi­ckelten Organisations- und Vernetzungsformen, die nahe bei oder un­mittelbar in den Lebenswelten von DrogengebraucherInnen etabliert sind. JES-Arbeit zeichnet nicht zuletzt die Kombination von Selbsthilfe­ansätzen und erworbener fachlicher Beratung aus. Sie fördert auf be­sondere Weise innovative Impulse und methodische Phantasie in der Entwicklung von Hilfe und Unterstützung.

JES-Arbeit könnte als ideenreiches Lernfeld für professionelle Bereiche besonders attraktiv sein. Folgerichtig liegt nahe, Eigenarbeit von Be­troffenen und professionelles Fachwissen zum gegenseitigen Vorteil zu verknüpfen. JES versteht seine Angebote an Hilfe und Unterstützung deshalb eher als Ergänzung zu professioneller Hilfeleistung und damit als Erhöhung der Wirksamkeit entsprechender Angebote. In diesem Sinne verhalten sich JES-Angebote zum professionellen Hilfesystem eher komplementär als konkurrent. In dieser Funktion hat sich JES be­reits als verantwortungsbewusster, zuverlässiger und ökonomisch „ge­winnbringender“ Partner des Versorgungssystems erwiesen. Diese Er­fahrungen will JES stabilisieren und weiterentwickeln.Nicht übersehen werden darf jedoch, dass das Entstehen von Initiativen und Angeboten der JES-Gruppen häufig Indikator für alte ungelöste und/oder neu auftretende Probleme sowie für Versorgungslücken im professionellen Hilfesystem ist. Als Interessenvertreter Drogen konsu­mierender Menschen sieht sich JES in der Verantwortung, in diesen Ausnahmesituationen auch Leistungen anzubieten, die diese Lücken kompensieren. Diese Leistungen müssen aber letztlich vom professio­nellen Hilfesystem erbracht werden.

JES will und kann nicht die Institution sein, an die schwierige, unattrak­tive und der Kosteneffizienz der Leistungsträger widersprechende Ar­beit abgeschoben wird. Eine solche „Arbeitsteilung“ zwischen pro­fes­sionellem Hilfesystem und Drogenselbsthilfe überfordert nicht nur die Möglichkeiten der Selbsthilfe, sondern führt auch dazu, dass die spezi­fischen Möglichkeiten und Ressourcen der Selbsthilfe verschüttet wer­den.

 

Arbeitsweise im JES-Netzwerk

Ausgehend von diesen generellen Aufgaben des JES-Netzwerks stel­len sich Fragen nach der spezifischen Arbeitsweise in unserer Selbsthilfe.

Wir wollen keine Gleichschaltung in der Arbeit

Wir gehen davon aus, dass es „die“ richtige JES-Arbeitsweise nicht gibt. Vielmehr muss jede Gruppe die Arbeitsweise, die für die Bedürf­nisse, Interessen und Ziele ihrer Mitglieder „passt“, selbst herausfinden. Selbstverständlich können die einzelnen JES-Gruppen dabei voneinan­der lernen. Das JES-Netzwerk ist jedoch weit davon entfernt, die Arbeit in den einzelnen Gruppen zu normieren. Wir halten es für einen Vorteil, dass jede JES-Gruppe die auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder und der Region bezogenen Ziele, die für die Bewältigung ihrer Probleme ent­sprechenden Angebote und die dafür erfolgreichen Formen der Organi­sation herausfinden und praktizieren kann, ohne sich an starren Vor­ga­ben zu orientieren.

Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass die Arbeit im JES-Netzwerk nicht mit Ernsthaftigkeit und Verantwortung geleistet wird. Mit dem ent­spre­chenden Verständnis entsteht folgerichtig eine große Differenzie­rung in den Arbeitsweisen der JES-Gruppen. Diese Verschiedenartig­keit wird vom Netzwerk nicht nur getragen, weil sie dem JES-Verständ­nis von Demokratie entspricht. Im Gegenteil: Sie findet besondere Wertschät­zung, weil sie zur wesentlichen Quelle von Innovation werden kann und zur Überlegenheit der JES-Selbsthilfe gegenüber vielen pro­fessionellen Einrichtungen beiträgt.

Wir haben aber viele Gemeinsamkeiten in der Arbeit

Trotz dieser Unterschiede gibt es eine Reihe verbindender Gemein­samkeiten in unserer Arbeitsweise.

Eine wesentliche Gemeinsamkeit ist, dass die Gruppen im JES-Netz­werk durch gemeinsame Inhalte und Ziele in den Bereichen der Dro­gen-, Gesundheits- und Sozialpolitik sowie durch ein gemeinsames Selbstverständnis verbunden sind. Ausdruck findet dieses im gemein­samen Grundsatz „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen“ der von allen Gruppen anerkannt und vertreten wird.

Eine weitere Gemeinsamkeit der JES-Arbeit: Sie ist nicht in erster Linie durch die Aussicht auf einen bezahlten Arbeitsplatz motiviert. Es han­delt sich stattdessen um eine, vom freiwilligen Engagement der JES-Mitglieder getragene, Arbeit von DrogenkonsumentInnen für Drogen­konsumentInnen.

Verbindung von qualifizierter Fachberatung und Selbsthilfe

JES-Arbeit geht über private Solidarität beispielsweise von Familienmit­gliedern und FreundInnen hinaus, weil hier qualitativ hochwertige Fach­beratung einerseits und Erfahrungsaustausch sowie Problembearbei­tung durch Betroffene andererseits miteinander verbunden werden. Die Praxis zeigt zugleich, dass diese Aspekte der JES-Arbeit nicht neben­einander stehen, es vielmehr eine enge Wechselbeziehung gibt: Eine bestimmte (selbstorganisierte) Qualifizierung und Professionalisierung der Selbsthilfe stärkt auch die Möglichkeiten und die Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe und zu Solidarität der Mitglieder untereinander. Diese Verknüpfung gibt der JES-Arbeit eine einzigartige und unver­zichtbare Qualität, mit der sie sich auch von den Möglichkeiten des professionellen Hilfesystems unterscheidet. Zu den wichtigsten Anlie­gen der Netzwerkarbeit gehört deshalb, diese beiden Aspekte der JES-Arbeit – Betroffenenkompetenz und Betroffenensolidarität – auf allen Ebenen gezielt und systematisch zu stabilisieren und weiterzuent­wi­ckeln.

Selbstgewählte Ziele und Gruppenbeziehungen statt therapeutischer Anleitung und Bevormundung

JES arbeitet auf allen Ebenen für die Eigenverantwortung, Selbständig­keit und Souveränität von DrogenkonsumentInnen. Die Grundsätze „Selbstgewählte Ziele statt ideologische Bevormundung“ und „Selbst­gewählte Arbeits- und Gruppenbeziehungen statt Fremdorganisation“ werden deshalb auch zu Leitideen der Arbeit.

Diese prägen nicht nur die JES-Arbeit auf allen Ebenen des Netzwerks, sondern auch das Verhältnis von JES zum professionellen Hilfesystem. Wir sind uns bewusst, dass wir als Selbsthilfe bei der Bewältigung gruppeninterner oder fachspezifischer Probleme an unsere Grenzen kommen können. Diese zu überschreiten wäre verantwortungslos und fahrlässig. Wir arbeiten deshalb in unserem Netzwerk nicht nur an un­serer eigenen Fähigkeit, rechtzeitig zu erkennen (und anzuer­kennen), ab wann professionelle Hilfe unumgänglich wird. Vielmehr bemühen wir uns auch darum, die erforderliche Kooperation und Durchlässigkeit zwi­schen Selbsthilfe und professionellen Systemen sowie schwellen­lose Zugänge zu letzteren zu entwickeln.

Dieser Ansatz setzt jedoch voraus, dass JES Zugang zum unerläss­li­chen Fachwissen hat. Erst über die Qualifizierung der Selbsthilfe ent­stehen Fähigkeiten, um die eigenen Möglichkeiten realistisch einzu­schätzen sowie kooperativ und partnerschaftlich mit dem professio­nellen Hilfesystem zusammenzuarbeiten. Als bundesweites Netzwerk sehen wir uns hinsichtlich der Entwicklung entsprechender Aus- und Weiterbildungsangebote in großer Verantwortung.

JES-Arbeit will aktiv gestalten

JES arbeitet auf allen Ebenen des Netzwerks aktiv gestaltend und wendet sich gegen das Erzeugen von Passivität, gegen Tendenzen des Ruhigstellens und der fürsorglichen Überbetreuung. Wir verstehen des­halb unser Engagement als MahnerInnen und KritikerInnen des pro­fessionellen Hilfesystems nicht so, dass wir etwa Aufträge an staatliche Einrichtungen erteilten nach dem Motto „Ihr müsst dies und jenes tun“. Vielmehr suchen wir nach eigenen Wegen und Möglichkeiten, um be­stimmte Ziele zu erreichen und anstehende Probleme zu bearbeiten. Mit diesem Grundverständnis setzen wir Selbstorganisation vor das Erteilen von Versorgungsaufträgen und geben dem freiwilligen Enga­gement den Vorrang vor entgeltlicher standardisierter Arbeit.

Einhalten demokratischer Prinzipien

Unserer demokratischen Rolle als Mahner und Modernisierer des pro­fessionellen Hilfesystems können wir nur gerecht werden, wenn wir in unserem Netzwerk selbst eine kritische und – nicht zu vergessen – selbstkritische Haltung gegenüber eingefahrenen Wegen und Vorge­hensweisen pflegen und auch unsere eigenen Kommunikations- und Arbeitsstrukturen stetig hinterfragen. Wir bemühen uns deshalb auf allen Ebenen unseres Netzwerks um eine produktive Diskussions- und Streitkultur sowie um eine Atmosphäre, in der Kritik nicht persönlich verletzend geübt wird. In der Art und Weise, wie wir miteinander umge­hen, soll deutlich werden, dass die Meinung jeder und jedes einzelnen gefragt und gewünscht ist, und zwar unabhängig davon, welche Posi­tion sie oder er im Netzwerk hat, welcher Gruppe sie/er angehört, über wie viel Bildung sie/er verfügt u.ä.

Die Arbeit im Netzwerk wird auf der Grundlage basisdemokratischer Regeln gestaltet. Dazu gehört, dass Interessen einzelner Mitglieder, Gruppen und Regionen offen und demokratisch ausgehandelt werden. Der Entwicklung und Etablierung hierarchischer Systeme und Kontroll­regime, in denen von oben nach unten angewiesen und eingefordert wird und sich bestimmte Entscheidungsträger der Kontrolle und damit auch der Verantwortung entziehen können, wird im Netzwerk entschie­den entgegengetreten. Unvereinbar mit der JES-Arbeit sind zugleich Ansprüche einzelner, in Gremien und der (Fach-)Öffentlichkeit allein und ungefragt für JES vertretungsberechtigt zu sein. Oberstes Prinzip der Arbeitsweise in unserem Netzwerk ist deshalb, über einen syste­matischen Informationsaustausch auf und zwischen allen Ebenen, über die Transparenz von Entscheidungsprozessen und über basisdemokra­tische Mitsprachemöglichkeiten alle Mitglieder, Gruppen und Regional­verbünde aktiv teilhaben zu lassen.

 

Die Ebenen des JES-Netzwerks

Die Arbeit bei JES wird im Rahmen eines bundesweiten Netzwerks geleistet, das verschiedene Ebenen hat. Jede dieser Ebenen weist eine spezifische Organisationsform mit schwerpunktmäßig je anderen Akti­vitäten und Angeboten auf:

  • Gruppen, die sich vor Ort in den Städten und Gemeinden für die Inte­ressen Drogen gebrauchender Menschen engagieren und zum Teil praktische Unterstützungs- und Überlebenshilfen anbieten;
  • regionale Verbünde, zu denen sich die einzelnen Gruppen ange­sichts geografischer Nähe zusammengeschlossen haben, um ge­genseitig Erfahrungen auszutauschen, sich solidarisch zu unter­stützen und gemeinsam Mitsprache- und Mitentscheidungsan­sprü­che gegenüber dem Hilfesystem und den politisch Verantwort­lichen in ihren Regionen zu vertreten;
  • die Bundesebene des Netzwerks; hier werden die Erfahrungen, Probleme und Forderungen aus den verschiedenen Regionen zu­sammengeführt, der bundesweite Meinungsbildungsprozess zu ge­sellschaftspolitischen Entwicklungen realisiert; hier werden bun­desweite Aktionen, Veranstaltungen, Weiterbildungsangebote usw. organisiert und offensiv Partizipationsansprüche gegenüber den drogen- und sozialpolitischen Fachverbänden und den Politiker­Innen auf Bundesebene vertreten.

Unsere Netzwerkstruktur ist so angelegt, dass die einzelnen JES-Grup­pen, Vereine und regionalen Verbünde weitgehend autonom arbeiten können. Wir halten es für einen großen Vorteil, dass JES-Arbeit un­mittelbar und ohne großen bürokratischen Aufwand leistbar ist. Deshalb legen wir auch keinen besonderen Wert auf eine verbindliche Form der Institutionalisierung der einzelnen Gruppen im Netzwerk wie z.B. die Gründung von Vereinen. Ausgehend von den jeweils gegebe­nen Anfor­derungen strukturieren die Gruppen und regionalen Zusam­men­schlüsse nicht nur ihre Arbeitsweise sehr unterschiedlich. Sie stre­ben zugleich ein unterschiedliches Niveau der Institutionalisierung an und nehmen jeweils sehr verschiedene Aufgaben wahr.

Die Arbeit vor Ort

Eine oft unterschätzte Form der Zusammenarbeit ist der formlose Zu­sammenschluss von Menschen, die sich schwerpunktmäßig für sich selbst und die Bedürfnisse der Gruppenmitglieder engagieren. Im Mit­telpunkt der Arbeit dieser eher nach innen orientierten Gruppen stehen Formen des Erfahrungsaustausches und der unmittelbaren praktischen Hilfe bei der Bewältigung des Alltags. Diese Gruppen bieten nicht nur die Chance der Minderung oder Beseitigung von Pro­blemen, der Rela­tivierung erlebter negativer Erfahrungen sowie der psychischen und sozialen Stabilisierung. Über den sozialen Kontakt werden zugleich Impulse vermittelt, neue Fähigkeiten und Verhaltens­weisen zu ent­wi­ckeln und zu erproben. In der Gruppe kann das Ver­trauen in die eige­nen Fähigkeiten wiedergewonnen werden – eine Grundlage, auf der die selbstbewusste Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erst mög­lich wird. Damit werden diese JES-Gruppen zu einer unverzichtbaren Er­gänzung der sozialen und medizinischen Versor­gungseinrichtungen, die nur begrenzt Unterstützung bei der Bewälti­gung der vielfältigen Fol­gen des Drogenkonsums geben.

Viele regionale Gruppen orientieren sich mit ihrer Arbeit jedoch nicht nur an den Bedürfnissen der Gruppenmitglieder, sondern engagieren sich zugleich für andere. Diese auch nach außen arbeitenden Gruppen bemühen sich, – z.B. über umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit sowie die Vorbereitung und Durchführung von Informationsveranstaltungen und Fortbildungen – Betroffene, Angehörige und HelferInnen aufzuklären. Dabei wird nicht nur angestrebt, den möglichen Folgen illegalisierten Drogenkonsums präventiv zu begegnen. Mit kompetenter Aufklärung soll zugleich gegen Vorurteile und Mythen, gegen Unwissenheit und irrationale Ängste gearbeitet werden, so dass die Diskriminierung und Benachteiligung von DrogenkonsumentInnen aufgebrochen wird und Hilfsangebote von diesen früher und gezielter gesucht und angenom­men werden. Über die politische Arbeit und die Mitarbeit in fachbezo­genen Gremien und Arbeitskreisen bemühen sich diese Gruppen zugleich, ihrer sozialanwaltschaftlichen Funktion und ihrer Rolle als kritische Begleiter des Drogenhilfesystems gerecht zu werden.

Einigen JES-Gruppen ist es gelungen, sich einen stabileren und ver­lässlicheren institutionellen Rahmen für ihre Arbeit zu schaffen. Dieser ermöglicht, zusätzlich zu dem nach innen und außen gerichteten Enga­gement, kompetent und verlässlich Beratung und Betreuung für rat- und hilfesuchende Menschen anzubieten. Diese Gruppen besetzen mit ih­ren Angeboten Lücken im Hilfesystem, sammeln Erfahrungen von Be­troffenen, probieren neue Formen der Problembewältigung aus und schaffen durch ihre unmittelbare praktische Arbeit Grundlagen für die Modernisierung des traditionellen Netzes sozialer Versorgung. Diese JES-Gruppen arbeiten eher in institutionellen Strukturen in der Form geförderter Initiativen und Projekte und können sich auf das Engage­ment bezahlter MitarbeiterInnen stützen. Diese Organisationsformen sind aus der Erfahrung heraus entstanden, dass umfangreiche JES-Arbeit kontinuierlich, möglichst zeitstabil und auf einem qualitativ hohen Niveau nur geleistet werden kann, wenn die Stützen dieses Engage­ments in ihrer materiellen Existenz gesichert sind.Diese Formen der Arbeitsorganisation widersprechen keineswegs dem Bestreben des Netzwerks, JES-Arbeit nicht primär zu einem erwerbs­wirtschaftlich motivierten und institutionalisierten Leistungsangebot zu entwickeln, sondern ein unbezahltes freiwilliges Engagement von und für DrogenkonsumentInnen zu bleiben. Auch die stärker institutionali­sierten Gruppen prägt, dass deren Leistungen hauptsächlich auf dem unentgeltlichen Engagement der Gruppenmitglieder basieren, dass in der Arbeit Eigenhilfe und Fremdhilfe – wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten – miteinander verbunden sind und die festangestellten Mitar­beiterInnen insbesondere als MultiplikatorInnen und OrganisatorInnen für DrogengebraucherInnen tätig sind.

Die Arbeit in den regionalen Verbünden

Die Grundidee unserer Arbeit auf der Ebene der regionalen Verbünde ist das Zusammenführen von Einzelaktivitäten der Gruppen, Vereine und Initiativen, die über eine bestimmte Region verteilt sind. Hierdurch vergrößert sich die Basis für Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hilfe und gemeinsames Auftreten der regionalen Gruppen gegenüber den politisch Verantwortlichen und den VertreterInnen des professionellen Hilfesystems.

Besonders für Gruppen in ländlichen Regionen, die weit entfernt von­einander arbeiten müssen, und für die so genannten Einzelkämpfer­innen und Einzelkämpfer, die sich oft schon viele Jahre ohne Unter­stützung durch eine Gruppe für die Interessen und Rechte Drogen gebrauchender Menschen einsetzen, ist der Rückhalt und der Aus­tausch von Erfahrungen in einem regionalen Bündnis unverzichtbar.Bei der Planung, Organisation und Durchführung gemeinsamer Aktivi­täten und Veranstaltungen stehen vor allem Veränderungen der dro­genpolitischen Rahmenbedingungen entsprechend unserer Forderung „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen“ im Vordergrund. Der Aufbau von und das Zusammenwirken mit drogenpolitischen Bünd­nis­sen in der Region wird gerade für diesen Teil unserer Arbeit beson­ders wichtig.

Innerhalb der Gesamtstruktur unseres Netzwerks kommt der Spreche­rin/dem Sprecher der JES-Gruppen einer Region („Schienekoordinato­rIn“) eine große Verantwortung zu. Durch diese Person werden die re­gionalen Probleme, Erfahrungen und Besonderheiten zusammenge­fasst, die einzelnen Gruppen vor Ort vernetzt und koordiniert. Bei ihr können die einzelnen Gruppen ihren Bedarf an Unterstützung signali­sieren, wird entsprechende gegenseitige Hilfe organisiert usw. Sie hat zugleich eine Schlüsselstellung inne, was die Kommunikation zur Bun­desebene angeht. Sie bündelt Informationen zu den Entwicklungen in der Region und teilt diese den bundesweiten Gremien unseres Netz­werks mit. Sie hat aber auch dafür Sorge zu tragen, dass Informatio­nen, Beschlüsse und gemeinsame Aktionen auf Bundesebene über die regionalen Verbünde bis in die einzelnen Gruppen vor Ort kommuniziert werden. Nur wenn die Informationen in beide Richtungen fließen, geht die Arbeit unseres JES-Netzwerks nicht an den Bedürfnissen der Be­troffenen vorbei und wird vermieden, dass einzelne Gruppen isoliert, auf sich allein gestellt und/oder aneinander vorbei arbeiten.

Die bundesweite Arbeit des JES-Netzwerks

Die bundesweite Arbeit unseres Netzwerks wird vor allem von den ge­wählten Mitgliedern des bundesweiten JES-Sprecherrats und der hauptamtlichen Stelle der JES-Koordination geleistet, welche derzeit aufgrund einer fehlenden finanziellen Förderung nicht besetzt ist.

Der bundesweite JES-Sprecherrat ist zugleich das politische Sprach­rohr unseres Netzwerks und damit vor allem unsere Vertretung in der Öffentlichkeit, bei Kongressen und bundesweiten Veranstaltungen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vorbereitung, Durchführung, Leitung und Dokumentation der JES-Seminarreihe. Im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Treffen des JES-Sprecherrats werden die verschiedenen Wünsche, Bedürfnisse und Anliegen aus den Regionen unseres Netz­werks gebündelt und diskutiert sowie bundesweite Veranstaltungen vor- und nachbereitet.Durch die Arbeit der Bundesebene werden nicht nur die politischen Ziele und Forderungen des bundesweiten JES-Netzwerks gegenüber der Öffentlichkeit, anderen bundesweit agierenden Organisationen und den politisch Verantwortlichen dargestellt. JES-KoodinatorIn und JES-Sprecherrat bemühen sich zugleich, in politischen Entscheidungs­gre­mien und bundesweiten Fachgruppen der Drogenarbeit mitzuarbei­ten, um hier die Interessen von Junkies, Ehemaligen und Substituierten einzubringen. Internationale Kooperation und Zusammenarbeit mit (vor­rangig) europäischen User Netzwerken und damit verbunden der Transfer von Wissen und Erfahrungen aus der Drogenselbsthilfearbeit gehört ebenso zu den Aufgaben der Vertreter auf Bundesebene.

Ein weiteres Element des Engagements ist, den Aufbau neuer Gruppen zu fördern und die Vernetzung bereits bestehender Gruppen zu unter­stützen.

Die Bundesebene führt die regionalen Erfahrungen zu Impulsen zu­sammen, mit denen die Arbeitsansätze unseres Netzwerks konzeptio­nell weiterentwickelt werden können. Sie plant und organisiert bundes­weite Aktionen und sorgt dafür, dass wichtige Informationen zu allen regionalen Verbünden, Vor-Ort-Gruppen und zu den einzelnen JES-Mitgliedern gelangen. Für diese Arbeit ist unsere Zeitung – der Drogen­kurier – unverzichtbar. In ihr werden Informationen über politische Ver-änderungen und medizinische Entwicklungen sowohl auf internatio­naler als auch nationaler Ebene zusammengestellt, werden Berichte und Erfahrungen aus einzelnen Gruppen und Regionen veröffentlicht.

Ein wichtiger Schwerpunkt der bundesweiten Arbeit ist das Einwerben und korrekte Umsetzen finanzieller Mittel. Angesichts der Ansprüche, die an unsere Arbeit als Drogenselbsthilfe gestellt werden, muss der größte Teil der Mittel in die selbstorganisierte Aus- und Fortbildung von JES-Mitgliedern und damit in Treffen und Workshops des Netzwerks fließen. Die finanziellen Mittel bieten aber auch die Chance, eigene Medien wie beispielsweise Broschüren, Flyer, Videos, Dokumenta­tio­nen, und Plakate zu entwickeln und herzustellen. Mittels vielfältiger Medien wird die Arbeit der Gruppen im Rahmen von Prävention, Ge­sundheitsförderung, Entmystifizierung und Aufklärung unterstützt.

 

Politische Forderungen des JES-Netzwerks

Um unsere Ziele und Teilziele hinsichtlich der Umgestaltung der deu­tschen Drogenpolitik umzusetzen, leistet JES vor Ort in den Städten und Gemeinden, in den einzelnen Regionen und als bundesweites Netzwerk umfangreiche drogenpolitische Arbeit. Hierzu gehört auch die Öffentlichkeitsarbeit, mit der große Teile der Bevölkerung realistisch über die Zusammenhänge zwischen Drogenkonsum und Drogen­pro­blemen aufgeklärt werden. Es gilt in der Gesellschaft ein Bewusst­sein zu schaffen, mit welchen menschenunwürdigen Zuständen und zerstö­rerischen Prozessen drogenkonsumierende Frauen und Männer ge­genwärtig konfrontiert sind, wie diese zustande kommen und mit wel­chen pragmatischen Schritten diese Wirkzusammenhänge aufgelöst werden können. Unser Ziel ist die grundsätzliche Neuorientierung der deutschen Drogenpolitik.

Diese muss geprägt sein durch:

  • Abkehr von Abstinenzparadigmen und Prohibition
  • Beendigung der repressiven und menschenunwürdigen Verfolgung von Drogenbesitz, Drogengebrauch und DrogengebraucherInnen
  • Schaffung von Rahmenbedingungen, die die Belange und Bedürf­nisse des/der einzelnen achten und fördern

Notwendige Teilschritte hierzu sind:

  • Ersetzung des BtMG durch ein Regelwerk zum Umgang mit psycho­aktiven Substanzen ohne strafrechtliche Anteile
  • Aufhebung der BUB-Richtlinien mit ihrer Reglementierung des Zu­gangs zur Substitution
  • Erweiterung der Substitutionsmöglichkeiten durch das Zulassen aller hierfür geeigneten Mittel (z.B. retardierter Morphine) ein­schließlich injizierbarer Lösungen
  • Schaffung gesetzlicher Grundlagen zur Abgabe von Originalstoffen
  • Erhaltung und Stärkung des Solidaritätsprinzips sowie eine klare Ab­sage an die Privatisierung gesundheitlicher Risiken
  • Entkriminalisierung des Drogenkonsums
  • ungehinderte Verbreitung von „Safer Use“- und „Safer Sex“-Bot­schaften im Strafvollzug
  • Schaffung von Rahmenbedingungen, die einen mündigen Umgang mit Drogen ermöglichen (Einführung des Themas: „Drogenkunde“ in Schulen)
  • Durchsetzung von Präventionskonzepten ohne Lebensstilvorgaben und moralische Appelle
  • Einrichtung umfangreicher Arbeits- und Beschäftigungsprojekte zur Wiedereingliederung Drogen konsumierender Frauen und Männer
  • Initiierung und Unterstützung von Selbsthilfeorganisationen und Selbsthilfe
  • Beteiligung der Organisationen der DrogenkonsumentInnen als voll­wertige und gleichberechtigte GesprächspartnerInnen
  • in allen die Drogenpolitik und Drogenhilfe betreffenden Fragen
  • sofortige Haftentlassung HIV-infizierter, an AIDS erkrankter Men­schen, anderer schwersterkrankter Menschen und von Drogenkon­sumentInnen, die ausschließlich wegen Konsumdelikten verurteilt wurden, ohne fremde Rechtsgüter geschädigt zu haben.

 

Rahmenbedingungen und Probleme bei der Arbeit im JES-Netzwerk

Bei allem Engagement der einzelnen Mitglieder wäre es nicht korrekt, die Arbeit von JES als ein kontinuierlich wachsendes bundesweites Netzwerk zu beschreiben. Vielmehr hat das Netzwerk in den letzten Jahren Wachstumssprünge, Phasen rasanter Entwicklung und Stabili­sierung genauso erlebt wie Stagnation, Brüche und Instabilität. Das ansonsten in der Gesellschaft angestrebte Prinzip „weiter, höher, schneller“ trifft für die Entwicklung des bundesweiten JES-Netzwerks nicht zu. Dies hat sehr unterschiedliche Gründe, die nicht nur in den Kräften und in der Motivation der einzelnen Mitglieder, sondern auch in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Arbeit zu suchen sind.

Unterbewertung unserer Arbeit durch die Gesellschaft

Arbeit im Netzwerk ist überwiegend unbezahltes freiwilliges Engage­ment der JES-Mitglieder, das in der Regel nicht an Institutionen gebun­den ist. Dies wird in unserer Gesellschaft leider nicht gebührend gewür­digt. Wie ähnlich gelagerte Arbeit, die nicht im Rahmen von Erwerbs­tätigkeit geleistet wird (u.a. Kindererziehung, Hausarbeit, Nachbar­schaftshilfe), unterliegt auch JES-Arbeit der gesellschaftlichen Unter­bewertung. In unserer Gesellschaft, die sich von monetär (an Geld) bewerteten Daten gern „blenden“ lässt, bleibt der Wert der Selbsthilfe in der Regel verborgen.

Dabei ergibt sich der Nutzen der JES-Arbeit nicht nur aus dem hohen ideellen Wert, den die gegenseitigen Hilfeleistungen, der Erfahrungs­austausch, das Wohlbefinden und die soziale Geborgenheit für die Mit­glieder der Gruppen haben. Die Öffentlichkeitsarbeit der JES-Gruppen, die kritische Begleitung des Hilfesystems, das aktive Angebot an Unter­stützung und Hilfe im Rahmen von Prävention und Gesundheitsför­de­rung von und für DrogenkonsumentInnen und nicht zuletzt die Mitar­beit an der drogen- und sozialpolitischen Entscheidungsfindung in den Län­dern und Kommunen werden zu unverzichtbaren Beiträgen für die Ent­wicklung des Gemeinwesens. Schließlich fließen in die JES-Arbeit nicht nur die unbezahlte Zeit der engagierten DrogenkonsumentInnen ein, sondern auch die eingeworbene, oft kostenlose Unterstützung von Professionellen sowie gespendete Sachausrüstungen und finanzielle Mittel. Auch hier wäre die Perspektive sehr verkürzt, wenn wir nur dar­auf verwiesen, dass wir mit eingeworbenen Ressourcen öffentliche Haushalte entlasten.

Kosten der JES-Arbeit müssen immer noch privat getragen werden

Die Benachteiligung von JES bei der Vergabe öffentlicher Gelder birgt die Gefahr in sich, dass für eine solide Tätigkeit der JES-Gruppen und des JES-Netzwerks – zusätzlich zur eingebrachten unbezahlten Arbeit – auch die anfallenden Kosten (z.B. für Kopien, Telefonate, Korrespon­denz) privat finanziert werden müssen. In der Konsequenz bedeutet die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber der Drogenselbsthilfearbeit, dass die Kosten gesellschaftlich notwendiger und nützlicher JES-Arbeit privat zu tragen sind – dies um so mehr, je weniger Wertschätzung der Arbeit der Drogenselbsthilfe entgegengebracht wird. Insofern steht die Arbeit der JES-Gruppen vielerorts auf wackeligen Beinen. Dies hat Einfluss auf die Kontinuität und Stabilität unserer Arbeit. Die unzureichende An­erkennung und Förderung der JES-Arbeit trägt auch dazu bei, dass AktivistInnen immer wieder resignieren und Gruppen bisweilen auch wieder auseinander brechen.

Der schwierige Prozess der Entwicklung und Stabilisierung der Gruppenarbeit vor Ort

Als JES-Netzwerk sehen wir uns hin und wieder damit konfrontiert, dass Gruppen schon im Prozess ihres Entstehens scheitern. Einige Hemmnisse werden unsere Arbeit wohl immer begleiten; andere wären dagegen durchaus abzubauen.

Wir registrieren vielfach eine große Kluft zwischen der Bereitschaft ille­galisierter DrogenkonsumentInnen und ihrem tatsächlichen Enga­ge­ment in der JES-Arbeit. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig:

  • Sie liegen einerseits in den unzureichenden Informationen über die Möglichkeiten der JES-Arbeit in den Gemeinden und Kommunen. Dieses Informationsdefizit ergibt sich sicherlich auch aus den be­grenzten Möglichkeiten und Fähigkeiten der bereits vorhandenen Gruppen, unter den DrogenkonsumentInnen für die Mitarbeit zu werben
  • Die Hürden, das Interesse an der JES-Arbeit in tatsächliches Enga­gement umzusetzen, ergeben sich auch aus den Schwierigkeiten der Frauen und Männer in ihren jeweiligen Lebensbezügen. Das Leben als Junkie, mit Beschaffungs- und Verfolgungsdruck, lässt kaum Zeit und Kraft für zuverlässige und kontinuierliche Mitarbeit. Diese wird faktisch auch zu einem Coming-out für diejenigen, die ihren Drogenkonsum bisher verbergen und dementsprechend ihre soziale Integration erhalten oder wiederherstellen konnten. Begrün­dete Ängste, sich durch das JES-Engagement der Stigmatisierung auszusetzen, lassen manche DrogenkonsumentInnen sich gegen unser Netzwerk entscheiden. Schließlich stehen dem Engagement bei JES auch die Bemühungen einzelner DrogenkonsumentInnen entgegen, sich von szeneorientierten Lebensbezügen und/oder dem drogenbezogenen Teil ihrer Biographie zu trennen und abzu­grenzen
  • Trotz der Leistungen, die unser Netzwerk in den letzten Jahren auch in die Prävention und Gesundheitsförderung für Drogenkon­sumentInnen eingebracht hat, wird unser selbstbewusstes Enga­gement für ein „menschenwürdiges Leben mit Drogen“ in der Ge­sellschaft nach wie vor falsch verstanden, werden wir als „Unbe­lehrbare“ und „maßlose Ansprüche Stellende“ stigmatisiert. In ei­nem solchen gesellschaftlichen Klima entstehen kaum hilfreiche Impulse, die für die Mitarbeit bei JES motivieren. Vielmehr braucht es bereits ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein, wenn sich ein­zelne für unsere Drogenselbsthilfe engagieren. Auf diese Weise sind die Zugangsschwellen zu unserer Arbeit für Interessierte oft unüberwindbar hoch.

Schließlich stellen Entwicklung und Stabilisierung der JES-Arbeit vor Ort besondere Ansprüche an die Fähigkeiten und Motivationen der ein­zelnen. Beratung und Unterstützung von an JES interessierten Dro­genkonsumentInnen und das Schaffen geeigneter Rahmenbe­dingun­gen könnten insbesondere in der schwierigen Anfangszeit über Klippen und mögliche Phasen von Instabilität hinweghelfen. Aktive Unterstüt­zung in diesem Sinne bleibt jedoch vielen Gruppen vor Ort versagt. Die JES-Gruppen einer Region sind oft überfordert, in einer solchen Auf­bauphase anderen Gruppen umfassende Hilfe zu gewäh­ren.

Stellenwert der hauptamtlichen Arbeit bei JES

Hauptamtliche Arbeit und Drogenselbsthilfe schließen sich keineswegs aus. Nach jahrelangem Kampf gegen viele Widerstände ist es uns ge­lungen, in unserem Netzwerk auch auf hauptamtlicher Basis zu arbei­ten. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben auch gezeigt, dass die Absicherung der Drogenselbsthilfe durch erwerbstätig geleistete Arbeit mit einem Mehr an Kontinuität und Intensität verknüpft ist. Erst dann kommt es in vielen Fällen zur gleichberechtigten Zusammenarbeit mit dem professionellen System. Für JES ist es deshalb selbstverständlich, dass in Fördermodellen für das JES-Netzwerk auch die nötigen Perso­nalkosten berücksichtigt werden. Die hauptamtliche Mitarbeit in der Drogenselbsthilfe trägt zugleich wesentlich zum Prozess der Reintegra­tion in berufliche und soziale Bezüge bei.

Das Problem von Haupt- und Ehrenamt

Die Differenzierung zwischen haupt- und ehrenamtlichem Engagement im JES-Netzwerk hat aber auch eine Reihe Probleme mit sich gebracht.

Viele MitarbeiterInnen der JES-Gruppen erfahren durch ihre ehrenamt­liche Arbeit – beispielsweise durch Rückmeldung von außen -, dass sie während ihres Lebens mit Drogen eine Vielzahl an Kompetenzen er­worben haben, die in der Beratung und Unterstützung und vor allem auch in den verschiedenen Ebenen der strukturellen Prävention beson­ders wertvoll eingesetzt werden können. Angesichts der Tatsache, dass viele von uns keine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung ha­ben und die Gesellschaft uns in der Regel abspricht, dass wir während des Lebens mit Drogen etwas „gesellschaftlich Nützliches“ gelernt ha­ben, motiviert uns diese Erfahrung, die Integration ins Erwerbsleben in den Blick zu nehmen. JES-Arbeit vermittelt zugleich Sinn und Bestäti­gung, soziale Kontakte und Selbstwertgefühl. Folge­richtig reift bei vie­len der Wunsch, gerade in diesem Bereich den Ein­stieg in die Er­werbstätigkeit zu versuchen. Wir können diese Entwick­lung verstehen. Dennoch bleibt ein Merkmal unseres JES-Netzwerks, dass es vom un­bezahlten Engagement lebt und von diesem geprägt ist. Insofern kommt es durch das Nebeneinander von Haupt- und Ehrenamt auch leicht zu Konflikten, persönlichen Enttäuschungen, Neid und Missgunst. Wir können dies in unserer Arbeit im Netzwerk nicht beseiti­gen, sollten uns dessen aber stets gewahr sein.

Besonders kompliziert werden Entscheidungen dort, wo Haupt- und Ehrenamt miteinander verknüpft werden sollen. In diesen Konstellatio­nen werden produktive Lösungen nur auf der Grundlage einer kontinu­ierlich gewachsenen Gruppenstruktur gefunden. Wenn die Stärken der einzelnen MitarbeiterInnen über einen längeren Zeitraum deutlich wer­den und unsoziale Formen der Konkurrenz und Verdrängung dabei ausgeschlossen bleiben, wird auch eine eventuelle hauptamtliche Mit­arbeit einzelner in der Gruppe besser akzeptiert.

Von der Schwierigkeit der Kompromisse

Damit öffentliche Geldgeber die Installation eines Selbsthilfeprojekts zur Beratung und Begleitung von DrogenkonsumentInnen ermöglichen, in dem diese auch hauptamtlich arbeiten und damit die Chance zur Rein­tegration in die Erwerbstätigkeit erhalten, müssen häufig Kompromisse eingegangen werden. In einer solchen Konstellation treten oft mehrere Auftraggeber auf, die an die Fördergelder auch bestimmte Forderungen binden, die nicht immer leicht mit dem Selbstverständnis des JES-Netzwerks vereinbar sind. Manchmal unterliegen aber auch Gruppen der Vorstellung, dass sich ihre Chancen, kommunal gefördert zu wer­den, verbessern, wenn sie bestimmte JES-Forderungen zurück­nehmen. Wir nutzen den Austausch und das Miteinander im JES-Netz­werk des­halb immer wieder dafür, uns bewusst mit diesen Widersprü­chen aus­einanderzusetzen, eingegangene Kompromisse zu überden­ken, diese auf ihre Verhältnismäßigkeit zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigie­ren.

Wir wissen, dass ein einmal erzielter Konsens nicht für immer Gültigkeit beanspruchen kann, weil sich nicht nur die Rahmenbedingungen unse­rer Arbeit, sondern auch wir selbst uns stetig verändern. Zentrales Kri­terium für die Bewertung von Kompromissen sollte sein, inwieweit sich unsere Ansprüche in der Realität tatsächlich wieder finden oder inwie­weit Wille und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Für das kritische Über­prüfen der Kompromisse entscheidend ist ein Klima, in dem Mut zu Ehrlichkeit und Selbstkritik eine Chance haben. Wir scheuen uns aber auch nicht, die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen, wenn drogen­politische Grundsätze und Arbeitsweisen einzelner Gruppen mit denen des JES-Netzwerks nicht mehr übereinstimmen.Peer Involvement ist Zwischenzeitlich zu einem Schlagwort geworden, mit dem sich Träger aus Drogenhilfe gerne schmücken. Dabei findet in der Realität jedoch oftmals eine Vereinnahmung und Instrumentali­sie­rung der Gruppen statt. Dies entspricht nicht unserem Verständnis einer gleichberechtigten Partnerschaft. Daher sind Kooperationen dahin­ge­hend immer wieder zu überprüfen.

Als hauptamtliche MitarbeiterInnen des JES-Netzwerks machen wir die Erfahrung, dass unsere tägliche Arbeit und unser Engagement in der Öffentlichkeit vielfach dazu führen, die Rolle von „Vorzeige-Drogenkon­sumentInnen“ zugewiesen zu bekommen – auch dann, wenn wir für uns selbst die Rolle als „ganz normale/r“ Frau/Mann, BürgerIn, Mutter/Vater usw. wünschen und leben. Vor allem die massiven Stigmatisierungen, denen DrogenkonsumentInnen nach wie vor ausgesetzt sind, hindern uns oft daran, aus der „Exotik“ aus- und in die „Normalität“ einzu­stei­gen. Sie erschweren es uns erheblich, das Drogenhilfesystem zu ver­lassen und machen Drogen zum allumfassenden Merkmal von Iden­tität – eine Position, die Drogen gar nicht zusteht.

JES zwischen radikaler Opposition und kompromissbereiter Bündnispartnerschaft

Die Diskussionen in unserem Netzwerk haben gezeigt, dass hier ver­schiedene Interessen und auch Ideale aufeinander treffen, die nicht immer (leicht) miteinander zu vereinbaren sind.

Insbesondere in der Gründungsphase des JES-Netzwerks sowie zum Beginn der 90er Jahre trat JES aufgrund seiner damals für viele illuso­rischen und unvernünftigen Forderungen und Ziele als „Radikalopposi­tion“ auf. JES, als damals neue Form der Interessenvertretung von DrogengebraucherInnen, fühlte sich in dieser Rolle vielfach wohl – gab es doch keine öffentlichen Mittel zu verlieren und keine Bündnisse, die zerbrechen konnten.

Rückblickend gesehen, war diese Art der öffentlichen Darstellung zu jener Zeit richtig und wichtig. Die Situation von Drogengebrau­cher­Innen, insbesondere bei von HIV-/AIDS-Betroffenen, war so, dass die Ansichten und Haltungen vieler skandalisiert werden mussten. – Dies tat JES. –

Forderungen die für JES damals bereits richtig und zwingend waren, aber außerhalb jeglicher Diskussion standen (z.B. Heroinvergabe, Dro­genkonsumräume, Substitution), sind heute teilweise oder in Gänze re­alisiert worden. Heute gilt es, die erreichten Fortschritte zu sichern und weiter zu verbessern. Dazu wuchs über die Jahre schließlich die Ein­sicht, dass JES ohne Partnerschaften mit drogen- und sozialpolitischen Bündnispartnern der nötige Nachdruck fehlt, um entsprechende For­de­rungen einbringen und durchsetzen zu können.

Heute haben wir einen für uns gangbaren Mittelweg gefunden.Öffentliche Gelder müssen so in Anspruch genommen werden, dass Aufgabenbereiche ausgebaut und Angebote optimiert werden können; zugleich ist es unerlässlich, weiterhin auf Missstände und eine men­schenunwürdige Drogenpolitik hinzuweisen und somit Forderungen im Sinne der Betroffenen zu artikulieren. Insgesamt sehen wir uns als ei­genständiges, aber durchaus bündnisfähiges Netzwerk. Die kritische Betrachtung des Drogenhilfesystems und eventuelle Partnerschaften mit eben diesem System schließen sich für uns nicht aus.

Als Netzwerk von DrogengebraucherInnen, Ehemaligen und Substitu­ierten haben wir in den letzten zwei Jahrzehnten vielfältige Verände­rungen durchgemacht und ein hohes Maß an Flexibilität gezeigt. Wie in der Vergangenheit gilt auch für die Zukunft, dass wir uns als JES-Netz­werk stetig neuen Herausforderungen stellen und unseren Platz im Hilfesystem unter sich stetig verändernden Rahmenbedingungen finden werden.

Unsere Ideale, Überzeugungen und Ziele, wie wir sie hier vorgestellt haben, behalten dabei ihre Gültigkeit.

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