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Selbstverständnis und Profil des bundesweiten JES-NetzwerksBei allem Engagement der einzelnen Mitglieder wäre es nicht korrekt, die Arbeit von JES als ein kontinuierlich wachsendes bundesweites Netzwerk zu beschreiben. Vielmehr hat das Netzwerk in den letzten Jahren Wachstumssprünge, Phasen rasanter Entwicklung und Stabili­sierung genauso erlebt wie Stagnation, Brüche und Instabilität. Das ansonsten in der Gesellschaft angestrebte Prinzip „weiter, höher, schneller” trifft für die Entwicklung des bundesweiten JES-Netzwerks nicht zu. Dies hat sehr unterschiedliche Gründe, die nicht nur in den Kräften und in der Motivation der einzelnen Mitglieder, sondern auch in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Arbeit zu suchen sind.

Unterbewertung unserer Arbeit durch die Gesellschaft

Arbeit im Netzwerk ist überwiegend unbezahltes freiwilliges Engage­ment der JES-Mitglieder, das in der Regel nicht an Institutionen gebun­den ist. Dies wird in unserer Gesellschaft leider nicht gebührend gewür­digt. Wie ähnlich gelagerte Arbeit, die nicht im Rahmen von Erwerbs­tätigkeit geleistet wird (u.a. Kindererziehung, Hausarbeit, Nachbar­schaftshilfe), unterliegt auch JES-Arbeit der gesellschaftlichen Unter­bewertung. In unserer Gesellschaft, die sich von monetär (an Geld) bewerteten Daten gern „blenden” lässt, bleibt der Wert der Selbsthilfe in der Regel verborgen.

Dabei ergibt sich der Nutzen der JES-Arbeit nicht nur aus dem hohen ideellen Wert, den die gegenseitigen Hilfeleistungen, der Erfahrungs­austausch, das Wohlbefinden und die soziale Geborgenheit für die Mit­glieder der Gruppen haben. Die Öffentlichkeitsarbeit der JES-Gruppen, die kritische Begleitung des Hilfesystems, das aktive Angebot an Unter­stützung und Hilfe im Rahmen von Prävention und Gesundheitsför­de­rung von und für DrogenkonsumentInnen und nicht zuletzt die Mitar­beit an der drogen- und sozialpolitischen Entscheidungsfindung in den Län­dern und Kommunen werden zu unverzichtbaren Beiträgen für die Ent­wicklung des Gemeinwesens. Schließlich fließen in die JES-Arbeit nicht nur die unbezahlte Zeit der engagierten DrogenkonsumentInnen ein, sondern auch die eingeworbene, oft kostenlose Unterstützung von Professionellen sowie gespendete Sachausrüstungen und finanzielle Mittel. Auch hier wäre die Perspektive sehr verkürzt, wenn wir nur dar­auf verwiesen, dass wir mit eingeworbenen Ressourcen öffentliche Haushalte entlasten.

Kosten der JES-Arbeit müssen immer noch privat getragen werden

Die Benachteiligung von JES bei der Vergabe öffentlicher Gelder birgt die Gefahr in sich, dass für eine solide Tätigkeit der JES-Gruppen und des JES-Netzwerks - zusätzlich zur eingebrachten unbezahlten Arbeit - auch die anfallenden Kosten (z.B. für Kopien, Telefonate, Korrespon­denz) privat finanziert werden müssen. In der Konsequenz bedeutet die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber der Drogenselbsthilfearbeit, dass die Kosten gesellschaftlich notwendiger und nützlicher JES-Arbeit privat zu tragen sind - dies um so mehr, je weniger Wertschätzung der Arbeit der Drogenselbsthilfe entgegengebracht wird. Insofern steht die Arbeit der JES-Gruppen vielerorts auf wackeligen Beinen. Dies hat Einfluss auf die Kontinuität und Stabilität unserer Arbeit. Die unzureichende An­erkennung und Förderung der JES-Arbeit trägt auch dazu bei, dass AktivistInnen immer wieder resignieren und Gruppen bisweilen auch wieder auseinander brechen.

Der schwierige Prozess der Entwicklung und Stabilisierung der Gruppenarbeit vor Ort

Als JES-Netzwerk sehen wir uns hin und wieder damit konfrontiert, dass Gruppen schon im Prozess ihres Entstehens scheitern. Einige Hemmnisse werden unsere Arbeit wohl immer begleiten; andere wären dagegen durchaus abzubauen.

Wir registrieren vielfach eine große Kluft zwischen der Bereitschaft ille­galisierter DrogenkonsumentInnen und ihrem tatsächlichen Enga­ge­ment in der JES-Arbeit. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig:

  • Sie liegen einerseits in den unzureichenden Informationen über die Möglichkeiten der JES-Arbeit in den Gemeinden und Kommunen. Dieses Informationsdefizit ergibt sich sicherlich auch aus den be­grenzten Möglichkeiten und Fähigkeiten der bereits vorhandenen Gruppen, unter den DrogenkonsumentInnen für die Mitarbeit zu werben
  • Die Hürden, das Interesse an der JES-Arbeit in tatsächliches Enga­gement umzusetzen, ergeben sich auch aus den Schwierigkeiten der Frauen und Männer in ihren jeweiligen Lebensbezügen. Das Leben als Junkie, mit Beschaffungs- und Verfolgungsdruck, lässt kaum Zeit und Kraft für zuverlässige und kontinuierliche Mitarbeit. Diese wird faktisch auch zu einem Coming-out für diejenigen, die ihren Drogenkonsum bisher verbergen und dementsprechend ihre soziale Integration erhalten oder wiederherstellen konnten. Begrün­dete Ängste, sich durch das JES-Engagement der Stigmatisierung auszusetzen, lassen manche DrogenkonsumentInnen sich gegen unser Netzwerk entscheiden. Schließlich stehen dem Engagement bei JES auch die Bemühungen einzelner DrogenkonsumentInnen entgegen, sich von szeneorientierten Lebensbezügen und/oder dem drogenbezogenen Teil ihrer Biographie zu trennen und abzu­grenzen
  • Trotz der Leistungen, die unser Netzwerk in den letzten Jahren auch in die Prävention und Gesundheitsförderung für Drogenkon­sumentInnen eingebracht hat, wird unser selbstbewusstes Enga­gement für ein „menschenwürdiges Leben mit Drogen” in der Ge­sellschaft nach wie vor falsch verstanden, werden wir als „Unbe­lehrbare” und „maßlose Ansprüche Stellende” stigmatisiert. In ei­nem solchen gesellschaftlichen Klima entstehen kaum hilfreiche Impulse, die für die Mitarbeit bei JES motivieren. Vielmehr braucht es bereits ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein, wenn sich ein­zelne für unsere Drogenselbsthilfe engagieren. Auf diese Weise sind die Zugangsschwellen zu unserer Arbeit für Interessierte oft unüberwindbar hoch.

Schließlich stellen Entwicklung und Stabilisierung der JES-Arbeit vor Ort besondere Ansprüche an die Fähigkeiten und Motivationen der ein­zelnen. Beratung und Unterstützung von an JES interessierten Dro­genkonsumentInnen und das Schaffen geeigneter Rahmenbe­dingun­gen könnten insbesondere in der schwierigen Anfangszeit über Klippen und mögliche Phasen von Instabilität hinweghelfen. Aktive Unterstüt­zung in diesem Sinne bleibt jedoch vielen Gruppen vor Ort versagt. Die JES-Gruppen einer Region sind oft überfordert, in einer solchen Auf­bauphase anderen Gruppen umfassende Hilfe zu gewäh­ren.

Stellenwert der hauptamtlichen Arbeit bei JES

Hauptamtliche Arbeit und Drogenselbsthilfe schließen sich keineswegs aus. Nach jahrelangem Kampf gegen viele Widerstände ist es uns ge­lungen, in unserem Netzwerk auch auf hauptamtlicher Basis zu arbei­ten. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben auch gezeigt, dass die Absicherung der Drogenselbsthilfe durch erwerbstätig geleistete Arbeit mit einem Mehr an Kontinuität und Intensität verknüpft ist. Erst dann kommt es in vielen Fällen zur gleichberechtigten Zusammenarbeit mit dem professionellen System. Für JES ist es deshalb selbstverständlich, dass in Fördermodellen für das JES-Netzwerk auch die nötigen Perso­nalkosten berücksichtigt werden. Die hauptamtliche Mitarbeit in der Drogenselbsthilfe trägt zugleich wesentlich zum Prozess der Reintegra­tion in berufliche und soziale Bezüge bei.

Das Problem von Haupt- und Ehrenamt

Die Differenzierung zwischen haupt- und ehrenamtlichem Engagement im JES-Netzwerk hat aber auch eine Reihe Probleme mit sich gebracht.

Viele MitarbeiterInnen der JES-Gruppen erfahren durch ihre ehrenamt­liche Arbeit - beispielsweise durch Rückmeldung von außen -, dass sie während ihres Lebens mit Drogen eine Vielzahl an Kompetenzen er­worben haben, die in der Beratung und Unterstützung und vor allem auch in den verschiedenen Ebenen der strukturellen Prävention beson­ders wertvoll eingesetzt werden können. Angesichts der Tatsache, dass viele von uns keine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung ha­ben und die Gesellschaft uns in der Regel abspricht, dass wir während des Lebens mit Drogen etwas „gesellschaftlich Nützliches” gelernt ha­ben, motiviert uns diese Erfahrung, die Integration ins Erwerbsleben in den Blick zu nehmen. JES-Arbeit vermittelt zugleich Sinn und Bestäti­gung, soziale Kontakte und Selbstwertgefühl. Folge­richtig reift bei vie­len der Wunsch, gerade in diesem Bereich den Ein­stieg in die Er­werbstätigkeit zu versuchen. Wir können diese Entwick­lung verstehen. Dennoch bleibt ein Merkmal unseres JES-Netzwerks, dass es vom un­bezahlten Engagement lebt und von diesem geprägt ist. Insofern kommt es durch das Nebeneinander von Haupt- und Ehrenamt auch leicht zu Konflikten, persönlichen Enttäuschungen, Neid und Missgunst. Wir können dies in unserer Arbeit im Netzwerk nicht beseiti­gen, sollten uns dessen aber stets gewahr sein.

Besonders kompliziert werden Entscheidungen dort, wo Haupt- und Ehrenamt miteinander verknüpft werden sollen. In diesen Konstellatio­nen werden produktive Lösungen nur auf der Grundlage einer kontinu­ierlich gewachsenen Gruppenstruktur gefunden. Wenn die Stärken der einzelnen MitarbeiterInnen über einen längeren Zeitraum deutlich wer­den und unsoziale Formen der Konkurrenz und Verdrängung dabei ausgeschlossen bleiben, wird auch eine eventuelle hauptamtliche Mit­arbeit einzelner in der Gruppe besser akzeptiert.

Von der Schwierigkeit der Kompromisse

Damit öffentliche Geldgeber die Installation eines Selbsthilfeprojekts zur Beratung und Begleitung von DrogenkonsumentInnen ermöglichen, in dem diese auch hauptamtlich arbeiten und damit die Chance zur Rein­tegration in die Erwerbstätigkeit erhalten, müssen häufig Kompromisse eingegangen werden. In einer solchen Konstellation treten oft mehrere Auftraggeber auf, die an die Fördergelder auch bestimmte Forderungen binden, die nicht immer leicht mit dem Selbstverständnis des JES-Netzwerks vereinbar sind. Manchmal unterliegen aber auch Gruppen der Vorstellung, dass sich ihre Chancen, kommunal gefördert zu wer­den, verbessern, wenn sie bestimmte JES-Forderungen zurück­nehmen. Wir nutzen den Austausch und das Miteinander im JES-Netz­werk des­halb immer wieder dafür, uns bewusst mit diesen Widersprü­chen aus­einanderzusetzen, eingegangene Kompromisse zu überden­ken, diese auf ihre Verhältnismäßigkeit zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigie­ren.

Wir wissen, dass ein einmal erzielter Konsens nicht für immer Gültigkeit beanspruchen kann, weil sich nicht nur die Rahmenbedingungen unse­rer Arbeit, sondern auch wir selbst uns stetig verändern. Zentrales Kri­terium für die Bewertung von Kompromissen sollte sein, inwieweit sich unsere Ansprüche in der Realität tatsächlich wieder finden oder inwie­weit Wille und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Für das kritische Über­prüfen der Kompromisse entscheidend ist ein Klima, in dem Mut zu Ehrlichkeit und Selbstkritik eine Chance haben. Wir scheuen uns aber auch nicht, die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen, wenn drogen­politische Grundsätze und Arbeitsweisen einzelner Gruppen mit denen des JES-Netzwerks nicht mehr übereinstimmen.Peer Involvement ist Zwischenzeitlich zu einem Schlagwort geworden, mit dem sich Träger aus Drogenhilfe gerne schmücken. Dabei findet in der Realität jedoch oftmals eine Vereinnahmung und Instrumentali­sie­rung der Gruppen statt. Dies entspricht nicht unserem Verständnis einer gleichberechtigten Partnerschaft. Daher sind Kooperationen dahin­ge­hend immer wieder zu überprüfen.

Als hauptamtliche MitarbeiterInnen des JES-Netzwerks machen wir die Erfahrung, dass unsere tägliche Arbeit und unser Engagement in der Öffentlichkeit vielfach dazu führen, die Rolle von „Vorzeige-Drogenkon­sumentInnen” zugewiesen zu bekommen - auch dann, wenn wir für uns selbst die Rolle als „ganz normale/r” Frau/Mann, BürgerIn, Mutter/Vater usw. wünschen und leben. Vor allem die massiven Stigmatisierungen, denen DrogenkonsumentInnen nach wie vor ausgesetzt sind, hindern uns oft daran, aus der „Exotik” aus- und in die „Normalität” einzu­stei­gen. Sie erschweren es uns erheblich, das Drogenhilfesystem zu ver­lassen und machen Drogen zum allumfassenden Merkmal von Iden­tität - eine Position, die Drogen gar nicht zusteht.

JES zwischen radikaler Opposition und kompromissbereiter Bündnispartnerschaft

Die Diskussionen in unserem Netzwerk haben gezeigt, dass hier ver­schiedene Interessen und auch Ideale aufeinander treffen, die nicht immer (leicht) miteinander zu vereinbaren sind.

Insbesondere in der Gründungsphase des JES-Netzwerks sowie zum Beginn der 90er Jahre trat JES aufgrund seiner damals für viele illuso­rischen und unvernünftigen Forderungen und Ziele als „Radikalopposi­tion” auf. JES, als damals neue Form der Interessenvertretung von DrogengebraucherInnen, fühlte sich in dieser Rolle vielfach wohl - gab es doch keine öffentlichen Mittel zu verlieren und keine Bündnisse, die zerbrechen konnten.

Rückblickend gesehen, war diese Art der öffentlichen Darstellung zu jener Zeit richtig und wichtig. Die Situation von Drogengebrau­cher­Innen, insbesondere bei von HIV-/AIDS-Betroffenen, war so, dass die Ansichten und Haltungen vieler skandalisiert werden mussten. - Dies tat JES. -

Forderungen die für JES damals bereits richtig und zwingend waren, aber außerhalb jeglicher Diskussion standen (z.B. Heroinvergabe, Dro­genkonsumräume, Substitution), sind heute teilweise oder in Gänze re­alisiert worden. Heute gilt es, die erreichten Fortschritte zu sichern und weiter zu verbessern. Dazu wuchs über die Jahre schließlich die Ein­sicht, dass JES ohne Partnerschaften mit drogen- und sozialpolitischen Bündnispartnern der nötige Nachdruck fehlt, um entsprechende For­de­rungen einbringen und durchsetzen zu können.

Heute haben wir einen für uns gangbaren Mittelweg gefunden.Öffentliche Gelder müssen so in Anspruch genommen werden, dass Aufgabenbereiche ausgebaut und Angebote optimiert werden können; zugleich ist es unerlässlich, weiterhin auf Missstände und eine men­schenunwürdige Drogenpolitik hinzuweisen und somit Forderungen im Sinne der Betroffenen zu artikulieren. Insgesamt sehen wir uns als ei­genständiges, aber durchaus bündnisfähiges Netzwerk. Die kritische Betrachtung des Drogenhilfesystems und eventuelle Partnerschaften mit eben diesem System schließen sich für uns nicht aus.

Als Netzwerk von DrogengebraucherInnen, Ehemaligen und Substitu­ierten haben wir in den letzten zwei Jahrzehnten vielfältige Verände­rungen durchgemacht und ein hohes Maß an Flexibilität gezeigt. Wie in der Vergangenheit gilt auch für die Zukunft, dass wir uns als JES-Netz­werk stetig neuen Herausforderungen stellen und unseren Platz im Hilfesystem unter sich stetig verändernden Rahmenbedingungen finden werden.

Unsere Ideale, Überzeugungen und Ziele, wie wir sie hier vorgestellt haben, behalten dabei ihre Gültigkeit.