Strukturen
Die Arbeit bei JES wird im Rahmen eines bundesweiten Netzwerks geleistet, das verschiedene Ebenen hat. Jede dieser Ebenen weist eine spezifische Organisationsform mit schwerpunktmäßig je anderen Aktivitäten und Angeboten auf:
- Gruppen, die sich vor Ort in den Städten und Gemeinden für die Interessen Drogen gebrauchender Menschen engagieren und zum Teil praktische Unterstützungs- und Überlebenshilfen anbieten;
- regionale Verbünde, zu denen sich die einzelnen Gruppen angesichts geografischer Nähe zusammengeschlossen haben, um gegenseitig Erfahrungen auszutauschen, sich solidarisch zu unterstützen und gemeinsam Mitsprache- und Mitentscheidungsansprüche gegenüber dem Hilfesystem und den politisch Verantwortlichen in ihren Regionen zu vertreten;
- die Bundesebene des Netzwerks; hier werden die Erfahrungen, Probleme und Forderungen aus den verschiedenen Regionen zusammengeführt, der bundesweite Meinungsbildungsprozess zu gesellschaftspolitischen Entwicklungen realisiert; hier werden bundesweite Aktionen, Veranstaltungen, Weiterbildungsangebote usw. organisiert und offensiv Partizipationsansprüche gegenüber den drogen- und sozialpolitischen Fachverbänden und den PolitikerInnen auf Bundesebene vertreten.
Unsere Netzwerkstruktur ist so angelegt, dass die einzelnen JES-Gruppen, Vereine und regionalen Verbünde weitgehend autonom arbeiten können. Wir halten es für einen großen Vorteil, dass JES-Arbeit unmittelbar und ohne großen bürokratischen Aufwand leistbar ist. Deshalb legen wir auch keinen besonderen Wert auf eine verbindliche Form der Institutionalisierung der einzelnen Gruppen im Netzwerk wie z.B. die Gründung von Vereinen. Ausgehend von den jeweils gegebenen Anforderungen strukturieren die Gruppen und regionalen Zusammenschlüsse nicht nur ihre Arbeitsweise sehr unterschiedlich. Sie streben zugleich ein unterschiedliches Niveau der Institutionalisierung an und nehmen jeweils sehr verschiedene Aufgaben wahr.
Die Arbeit vor Ort
Eine oft unterschätzte Form der Zusammenarbeit ist der formlose Zusammenschluss von Menschen, die sich schwerpunktmäßig für sich selbst und die Bedürfnisse der Gruppenmitglieder engagieren. Im Mittelpunkt der Arbeit dieser eher nach innen orientierten Gruppen stehen Formen des Erfahrungsaustausches und der unmittelbaren praktischen Hilfe bei der Bewältigung des Alltags. Diese Gruppen bieten nicht nur die Chance der Minderung oder Beseitigung von Problemen, der Relativierung erlebter negativer Erfahrungen sowie der psychischen und sozialen Stabilisierung. Über den sozialen Kontakt werden zugleich Impulse vermittelt, neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu entwickeln und zu erproben. In der Gruppe kann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiedergewonnen werden - eine Grundlage, auf der die selbstbewusste Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erst möglich wird. Damit werden diese JES-Gruppen zu einer unverzichtbaren Ergänzung der sozialen und medizinischen Versorgungseinrichtungen, die nur begrenzt Unterstützung bei der Bewältigung der vielfältigen Folgen des Drogenkonsums geben.
Viele regionale Gruppen orientieren sich mit ihrer Arbeit jedoch nicht nur an den Bedürfnissen der Gruppenmitglieder, sondern engagieren sich zugleich für andere. Diese auch nach außen arbeitenden Gruppen bemühen sich, - z.B. über umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit sowie die Vorbereitung und Durchführung von Informationsveranstaltungen und Fortbildungen - Betroffene, Angehörige und HelferInnen aufzuklären. Dabei wird nicht nur angestrebt, den möglichen Folgen illegalisierten Drogenkonsums präventiv zu begegnen. Mit kompetenter Aufklärung soll zugleich gegen Vorurteile und Mythen, gegen Unwissenheit und irrationale Ängste gearbeitet werden, so dass die Diskriminierung und Benachteiligung von DrogenkonsumentInnen aufgebrochen wird und Hilfsangebote von diesen früher und gezielter gesucht und angenommen werden. Über die politische Arbeit und die Mitarbeit in fachbezogenen Gremien und Arbeitskreisen bemühen sich diese Gruppen zugleich, ihrer sozialanwaltschaftlichen Funktion und ihrer Rolle als kritische Begleiter des Drogenhilfesystems gerecht zu werden.
Einigen JES-Gruppen ist es gelungen, sich einen stabileren und verlässlicheren institutionellen Rahmen für ihre Arbeit zu schaffen. Dieser ermöglicht, zusätzlich zu dem nach innen und außen gerichteten Engagement, kompetent und verlässlich Beratung und Betreuung für rat- und hilfesuchende Menschen anzubieten. Diese Gruppen besetzen mit ihren Angeboten Lücken im Hilfesystem, sammeln Erfahrungen von Betroffenen, probieren neue Formen der Problembewältigung aus und schaffen durch ihre unmittelbare praktische Arbeit Grundlagen für die Modernisierung des traditionellen Netzes sozialer Versorgung. Diese JES-Gruppen arbeiten eher in institutionellen Strukturen in der Form geförderter Initiativen und Projekte und können sich auf das Engagement bezahlter MitarbeiterInnen stützen. Diese Organisationsformen sind aus der Erfahrung heraus entstanden, dass umfangreiche JES-Arbeit kontinuierlich, möglichst zeitstabil und auf einem qualitativ hohen Niveau nur geleistet werden kann, wenn die Stützen dieses Engagements in ihrer materiellen Existenz gesichert sind.Diese Formen der Arbeitsorganisation widersprechen keineswegs dem Bestreben des Netzwerks, JES-Arbeit nicht primär zu einem erwerbswirtschaftlich motivierten und institutionalisierten Leistungsangebot zu entwickeln, sondern ein unbezahltes freiwilliges Engagement von und für DrogenkonsumentInnen zu bleiben. Auch die stärker institutionalisierten Gruppen prägt, dass deren Leistungen hauptsächlich auf dem unentgeltlichen Engagement der Gruppenmitglieder basieren, dass in der Arbeit Eigenhilfe und Fremdhilfe - wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten - miteinander verbunden sind und die festangestellten MitarbeiterInnen insbesondere als MultiplikatorInnen und OrganisatorInnen für DrogengebraucherInnen tätig sind.
Die Arbeit in den regionalen Verbünden
Die Grundidee unserer Arbeit auf der Ebene der regionalen Verbünde ist das Zusammenführen von Einzelaktivitäten der Gruppen, Vereine und Initiativen, die über eine bestimmte Region verteilt sind. Hierdurch vergrößert sich die Basis für Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hilfe und gemeinsames Auftreten der regionalen Gruppen gegenüber den politisch Verantwortlichen und den VertreterInnen des professionellen Hilfesystems.
Besonders für Gruppen in ländlichen Regionen, die weit entfernt voneinander arbeiten müssen, und für die so genannten Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer, die sich oft schon viele Jahre ohne Unterstützung durch eine Gruppe für die Interessen und Rechte Drogen gebrauchender Menschen einsetzen, ist der Rückhalt und der Austausch von Erfahrungen in einem regionalen Bündnis unverzichtbar.Bei der Planung, Organisation und Durchführung gemeinsamer Aktivitäten und Veranstaltungen stehen vor allem Veränderungen der drogenpolitischen Rahmenbedingungen entsprechend unserer Forderung „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen” im Vordergrund. Der Aufbau von und das Zusammenwirken mit drogenpolitischen Bündnissen in der Region wird gerade für diesen Teil unserer Arbeit besonders wichtig.
Innerhalb der Gesamtstruktur unseres Netzwerks kommt der Sprecherin/dem Sprecher der JES-Gruppen einer Region („SchienekoordinatorIn”) eine große Verantwortung zu. Durch diese Person werden die regionalen Probleme, Erfahrungen und Besonderheiten zusammengefasst, die einzelnen Gruppen vor Ort vernetzt und koordiniert. Bei ihr können die einzelnen Gruppen ihren Bedarf an Unterstützung signalisieren, wird entsprechende gegenseitige Hilfe organisiert usw. Sie hat zugleich eine Schlüsselstellung inne, was die Kommunikation zur Bundesebene angeht. Sie bündelt Informationen zu den Entwicklungen in der Region und teilt diese den bundesweiten Gremien unseres Netzwerks mit. Sie hat aber auch dafür Sorge zu tragen, dass Informationen, Beschlüsse und gemeinsame Aktionen auf Bundesebene über die regionalen Verbünde bis in die einzelnen Gruppen vor Ort kommuniziert werden. Nur wenn die Informationen in beide Richtungen fließen, geht die Arbeit unseres JES-Netzwerks nicht an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei und wird vermieden, dass einzelne Gruppen isoliert, auf sich allein gestellt und/oder aneinander vorbei arbeiten.
Die bundesweite Arbeit des JES-Netzwerks
Die bundesweite Arbeit unseres Netzwerks wird vor allem von den gewählten Mitgliedern des bundesweiten JES-Sprecherrats und der hauptamtlichen Stelle der JES-Koordination geleistet, welche derzeit aufgrund einer fehlenden finanziellen Förderung nicht besetzt ist.
Der bundesweite JES-Sprecherrat ist zugleich das politische Sprachrohr unseres Netzwerks und damit vor allem unsere Vertretung in der Öffentlichkeit, bei Kongressen und bundesweiten Veranstaltungen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vorbereitung, Durchführung, Leitung und Dokumentation der JES-Seminarreihe. Im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Treffen des JES-Sprecherrats werden die verschiedenen Wünsche, Bedürfnisse und Anliegen aus den Regionen unseres Netzwerks gebündelt und diskutiert sowie bundesweite Veranstaltungen vor- und nachbereitet.Durch die Arbeit der Bundesebene werden nicht nur die politischen Ziele und Forderungen des bundesweiten JES-Netzwerks gegenüber der Öffentlichkeit, anderen bundesweit agierenden Organisationen und den politisch Verantwortlichen dargestellt. JES-KoodinatorIn und JES-Sprecherrat bemühen sich zugleich, in politischen Entscheidungsgremien und bundesweiten Fachgruppen der Drogenarbeit mitzuarbeiten, um hier die Interessen von Junkies, Ehemaligen und Substituierten einzubringen. Internationale Kooperation und Zusammenarbeit mit (vorrangig) europäischen User Netzwerken und damit verbunden der Transfer von Wissen und Erfahrungen aus der Drogenselbsthilfearbeit gehört ebenso zu den Aufgaben der Vertreter auf Bundesebene.
Ein weiteres Element des Engagements ist, den Aufbau neuer Gruppen zu fördern und die Vernetzung bereits bestehender Gruppen zu unterstützen.
Die Bundesebene führt die regionalen Erfahrungen zu Impulsen zusammen, mit denen die Arbeitsansätze unseres Netzwerks konzeptionell weiterentwickelt werden können. Sie plant und organisiert bundesweite Aktionen und sorgt dafür, dass wichtige Informationen zu allen regionalen Verbünden, Vor-Ort-Gruppen und zu den einzelnen JES-Mitgliedern gelangen. Für diese Arbeit ist unsere Zeitung - der Drogenkurier - unverzichtbar. In ihr werden Informationen über politische Ver-änderungen und medizinische Entwicklungen sowohl auf internationaler als auch nationaler Ebene zusammengestellt, werden Berichte und Erfahrungen aus einzelnen Gruppen und Regionen veröffentlicht.
Ein wichtiger Schwerpunkt der bundesweiten Arbeit ist das Einwerben und korrekte Umsetzen finanzieller Mittel. Angesichts der Ansprüche, die an unsere Arbeit als Drogenselbsthilfe gestellt werden, muss der größte Teil der Mittel in die selbstorganisierte Aus- und Fortbildung von JES-Mitgliedern und damit in Treffen und Workshops des Netzwerks fließen. Die finanziellen Mittel bieten aber auch die Chance, eigene Medien wie beispielsweise Broschüren, Flyer, Videos, Dokumentationen, und Plakate zu entwickeln und herzustellen. Mittels vielfältiger Medien wird die Arbeit der Gruppen im Rahmen von Prävention, Gesundheitsförderung, Entmystifizierung und Aufklärung unterstützt.

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