Wer und was ist JES?
Was uns verbindet
Wir haben uns bei JES zusammengefunden, weil es in unserer Biographie Abschnitte gibt, in denen wir uns als Junkie, Ehemalige/r oder Substitutierte/r verstehen. Im bundesweiten Netzwerk JES mit seiner Vielzahl von regionalen Gruppen knüpfen wir an Erfahrungen an, die wir mit bestimmten psychoaktiven Substanzen, besonders aber nicht ausschließlich mit Opiaten, Amphetaminen und Kokain gesammelt haben. Die Integration dieser Drogen ins eigene Leben ist jeder/jedem einzelnen von uns sehr unterschiedlich gelungen.Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen verbinden uns ebenso gemeinsame Erfahrungen mit Lebensmilieus, die sich durch bestimmte Vorlieben auszeichnen, z.B. durch bestimmte Vorstellungen vom Leben generell, von der Art des Zusammenlebens und der Kommunikation. Nicht zuletzt verbindet uns die Integration in Drogenszenen mit teilweise eigenem kulturellen Selbstverständnis, gemeinsamen Werten und Konsumritualen.
Zu den Erfahrungen, durch die wir uns zusammengehörig fühlen, gehören für viele von uns aber auch Kriminalisierung, Strafverfolgung, Haft und Illegalität, gesellschaftliche Ausgrenzung, Stigmatisierung, systematische Benachteiligung, oft auch Armut, Obdachlosigkeit, gesundheitliche Gefährdung, frühzeitiges Sterben von FreundInnen und WeggefährtInnen sowie die Rolle als PatientIn oder KlientIn im Drogenhilfesystem.
JES besteht nicht aus Schubläden
Als Drogen konsumierende Menschen sind wir immer wieder mit Simplifizierungen konfrontiert, mit denen ein Leben mit Drogen von der Öffentlichkeit im Allgemeinen wahrgenommen wird. Aus unserer Lebenswirklichkeit wissen wir, dass so genannte Drogenkarrieren, die angeblich „automatisch” und geradlinig in sozialem Abstieg, Zerstörung der Persönlichkeit und frühem Tod enden, nicht die Regel sind. An uns, den AktivistInnen des JES-Netzwerks, lässt sich indes erkennen: ein Leben mit Drogen kann sich sehr dynamisch, mit unterschiedlichen Phasen, Fort- und Rückentwicklungen, Brüchen und Sprüngen gestalten. Denkschablonen und Etiketten beschreiben dies nicht nur falsch, sondern behindern uns durch ihre Stigmatisierungswirkung in unserer Entwicklung. JES weist derartige Denkmuster entschieden zurück.
In der Art und Weise, wie wir uns als JES-Netzwerk selbst verstehen, verdeutlichen wir, dass hier Menschen zusammenarbeiten, die sich flexibel in den Lebensmustern „Junkie”, „Ehemalige/r” und „Substituierte/r” bewegen. JES greift die Interessen und Bedürfnisse Drogen gebrauchender Menschen in deren jeweils konkreten Lebenssituationen auf.
Dabei steht:
J |
für „Junkie” und damit als Symbol für eine durch die Prohibition erzeugte Lebenssituation, die geprägt ist durch Szeneleben, Illegalität, somit häufig durch Kriminalität, Armut, Obdachlosigkeit, Verlustängste, Prostitution, Gesundheitsgefährdung, aber oft auch durch Genuss, Zusammengehörigkeit und Abenteuer.
E |
für „Ehemalige/r”, wobei hiermit nicht automatisch ein abstinentes Leben verbunden sein muss, dies aber durchaus auch so sein kann. „Ehemalig” kann auch die erfolgreiche Integration von Drogen in das Leben bedeuten.
S |
für „Substituierte/r”, deren Leben durch die ärztliche Vergabe eines Medikamentes geprägt ist. Dieses Leben beinhaltet sowohl Möglichkeiten zur Reintegration und Rehabilitation, gesundheitliche Stabilisierung, Befreiung von Drogenproblemen, aber auch fremdbestimmte Kontrolle, Bevormundung und Perspektivlosigkeit hinsichtlich selbstbestimmter Integration in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.
JES ist keine Selbsthilfe allein der Substituierten
Gegenwärtig wird die fortlaufende Arbeit im JES-Netzwerk in der Regel von substituierten Frauen und Männern getragen. Dieses Erscheinungsbild führt oft zu der Fehleinschätzung, JES sei eine Selbsthilfe allein für Substituierte. Übersehen wird dabei, dass die Arbeitsweise dieses Netzwerks Ergebnis der drogenpolitischen Bedingungen ist, unter denen Drogen konsumierende Menschen nicht nur in Deutschland gegenwärtig leben müssen. Während ein Leben als Junkie wenig Zeit und Kraft für stabile und zuverlässige Arbeit in unserem Netzwerk lässt, gefährdet das Bekenntnis Ehemaliger zu ihrem Leben mit Drogen die oft mühsam errungene Integration in soziale Bezüge der so genannten „Normalgesellschaft”. Insofern ist nachvollziehbar, dass besonders Substituierte ihre, auch durch die Substitution eingeräumten Möglichkeiten nutzen, um sich für die eigenen, aber vor allem auch für die Bedürfnisse und Belange anderer drogenkonsumierender Menschen einzusetzen.
Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen
Die Bezeichnung JES signalisiert nicht zufällig eine Bejahung. Sie versteht sich ausdrücklich als Entgegnung auf drogenpolitische Slogans, die im Sinne von „Say NO!” moralisieren. Der Name verdeutlicht, dass der Konsum von Drogen nicht grundsätzlich und von sich aus negativ ist, das Leben in den Drogenszenen nicht nur schwierige, zerstörerische Seiten hat und die mögliche Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen nicht immer zu einer Behinderung werden muss. Die Integration des Drogenkonsums ins Leben gelingt unterschiedlich. Je erfolgreicher dieser durchaus anspruchsvolle Prozess verläuft, desto mehr können die Menschen für ihr Leben insgesamt daraus gewinnen. JES steht deshalb auch als Provokation gegen einfaches Denken, das nur „Alles oder Nichts”, „Abstinenz oder Elend” kennt.
Die Gesellschaft gibt für ein Leben mit Drogen wesentliche Rahmenbedingungen vor. Diese sind gegenwärtig dafür verantwortlich, dass viele Drogen gebrauchende Frauen und Männer an der Aufgabe der Integration von Drogen in ihr Leben scheitern. Die schmerzlichen Erfahrungen, die viele von uns in diesem Zusammenhang sammeln mussten, prägen die Verantwortung, mit der wir uns für den Umgang mit Drogen in der Gesellschaft engagieren.
Der von uns gewählte Grundsatz „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen” ist als Minimalkonsens für alle Gruppen im JES-Netzwerk verbindlich. Er stellt die Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit dar. Oft wird er als Aufforderung zum Drogenkonsum missverstanden. Wir wissen aber, dass unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein Leben mit Drogen oft mit gesundheitlichen Gefährdungen, Verletzungen der Menschenwürde, mit Rechtlosigkeit und Diskriminierung verbunden ist. Vor diesem Hintergrund, besonders aber weil wir das Selbstbestimmungsrecht eines/r jeden auch in Bezug auf die Entscheidung für oder gegen den Konsum bestimmter psychoaktiver Substanzen respektieren und einfordern, sind wir JES-Mitglieder weit davon entfernt, Drogenkonsum zu idealisieren und zu propagieren.
Als Leitidee unseres Netzwerks orientiert „Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen” jedoch auf das gemeinsame Ziel, gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen auch mit Drogen menschenwürdig, d.h. ohne die Bedrohung durch Strafverfolgung, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Pathologisierung und permanente Benachteiligung leben können. JES akzeptiert nicht nur die Menschen, die selbstbestimmt darüber entscheiden wollen, welche Drogen sie konsumieren. Mit unserer Arbeit unterstützen wir DrogenkonsumentInnen, indem wir auf entsprechende Rahmenbedingungen hinwirken oder diese auch selbst schaffen, Wissen vermitteln sowie dazu ermutigen und motivieren, Fähigkeiten und Kompetenzen zu entwickeln, um fremd- und selbstzerstörerischen Drogengebrauch zu vermeiden (Safer Use). Es gilt einen Lebensstil zu ermöglichen, der niemanden schädigt, sondern Selbständigkeit, Selbstachtung und Lebensfreude beinhaltet.


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