↑ Zurück zu Geschichte

Bernd Lemke

Interview mit Bernd Lemke Juni 2005

Was hat dich dazu bewegt, den Junkie Bund zu gründen?

Bernd LemkeErstmals erfuhr ich 1986 etwas von der Selbsthilfe „Junkie Bund“ aus der TAZ. Hierbei handelte es sich um den Junkie Bond Rotterdam, sowie dem in den Siebzigern gegründeten, allerdings kurzlebigen, Junkie Bund Kassel. Einige Jahre später, 1989, lernte ich dann den Düsseldorfer Junkie Bund kennen, als er gerade gegründet wurde und einen Kontaktladen in Szenenähe betrieb. Initiative und Engagement gingen dabei vorwiegend von HIV-positiven Drogengebrauchern aus, die aufgrund ihrer Infektion Polamidon als Substitut erhielten und durch den Wegfall des Beschaffungsstresses wieder arbeitsfähig waren. Drogenpolitische Unterstützung gab es vor allem von der Deutschen Aids-Hilfe und nicht – wie man meinen könnte – von den Drogenberatungsstellen. Im gleichen Jahr wurde auch das Drogenselbsthilfe-Netzwerk „JES“ (Junkies, Ehemalige und Substituierte) gegründet, bei dem ich meine drogenpolitische Einstellung in dem heute noch gültigem Leitsatz fand:

Drogengebraucher besitzen ebenso wie alle anderen Menschen ein Recht auf Menschenwürde. Sie brauchen dieses Recht nicht erst durch abstinentes und angepasstes Verhalten zu erwerben. (aus der Gründungserklärung des JES Netzwerk)

Und nicht zuletzt resultierten meine Beweggründe, auch in Köln einen Junkie Bund zu gründen, aus meinen eigenen Erfahrungen mit einem Drogenhilfesystem, das ausschließlich Abstinenz orientiert und oftmals menschenunwürdig mit mir umgegangen ist.

Wie waren die Anfänge?

Bernd Lemke (2004)Die Anfänge waren chaotisch, lebendig und bewegend. Die Gründungsversammlung fand am 14. Mai 1990 in meinem Wohnzimmer statt – zusammen mit 6 Mitstreitern, die ich an dieser Stelle gerne erwähnen möchte: Ralf Heckhoff, Werner Hoffmann, Klaus ter Jung (alle drei leider schon verstorben), sowie Bernwart Dömer, Christiane Müller und Bernd Schakat.

Einige Monate später vermietete uns die Aids-Hilfe Köln einen winzigen Büroraum in der Beethovenstraße, der zu unserer allerersten Anlaufstelle in Köln wurde. Mit den ersten Geldern aus einem Selbsthilfetopf der Stadt Köln finanzierten wir die Anmietung eines Gruppenraums sowie unsere erste Schreibmaschine. In den darauffolgenden vier Jahren spielte sich das Vereinsleben in der obersten Etage der Aids-Hilfe Köln ab, bis wir durch eine Modellförderung des Landes NRW ein neues Ladenlokal in Köln Mülheim anmieten konnten.

Wie hat der Junkie Bund dein eigenes Leben beeinflusst?

Nachdem ich zuerst zwei Jahre ehrenamtlich für den Junkie Bund Köln e.V. gearbeitet hatte, ergab sich 1992 im Zuge der Kontaktladenförderung des Landes NRW meine Festanstellung in Form eines Werkvertrages. Im Anschluss erhielt ich die Stelle der Geschäftsführung, die ich heute noch besetze. Nach 20 Jahren Szeneleben bekam Arbeit plötzlich einen wichtigen Stellenwert in meinem Leben, was vor allem meinem angeknacksten Selbstwertgefühl zu Gute kam. Durch die Arbeit im Junkie Bund und der Selbsthilfe im allgemeinen gelang es mir auch wieder, soziale Bindungen aufzubauen und diese zu festigen. Inzwischen wohne ich schon 15 Jahre in meiner Wohnung und fühle mich in Köln sehr wohl.

 

 

 

Bernd Lemke ist tot.8. Oktober 2006

TodesanzeigeDieser Satz klingt unglaublich.
Er ist so unglaublich, weil Bernd ganz im Leben stand, voller Mut und Tatendrang war, der auch auf andere mitreißend wirkte.

In dem ungebrochenen Einsatz für ein Besseres als das, was unsere Gesellschaft in ihrer moralischen und strafrechtlichen Härte und Unbeugsamkeit für Drogenkonsumenten bereithält, unternahm Bernd alles nur Erdenkliche. Nie hat es ein Nein von Bernd gegeben. Bloße Rhetorik war nie Bernds Sache. Ihm ging es um Veränderung, um das konkret Machbare.
Ob sich für andere Menschen interessierend, für Rechte als JES-Aktivist mit dem Megaphon voranschreitend und genussvoll Heroin konsumierend, Bernd war in diesem Momenten das genaue Gegenteil von Resignation und Sattheit, die so viele betäubt und lähmt.
Und er wusste, dass Veränderungen nicht einfach auf dem Papier möglich sind.
Bernd war ein lebendiger Mensch, hatte an vielen Themen Interesse und war zugleich von einer Bescheidenheit, wie man sie selten findet.

Grab von Bernd LemkeBernd ist nicht ersetzbar. Natürlich werden andere nachrücken und seine Arbeit fortführen, andere werden politische Verhandlungen führen, doch vielleicht schon in ein oder zwei Jahren wird deutlich werden, dass Bernd nicht nur als Mensch fehlt, sondern dass mit ihm auch ein einzigartiges Engagement für gelebte akzeptierende Drogenpolitik weggebrochen ist.

Und doch will das Klischee der Selbstlosigkeit nicht auf Bernd zutreffen, denn alles, was er tat, tat er nie als Aufopferung, sondern immer aus Lust an der eigenen Sache.

„Es ist alles ganz anders, wenn es Dich selbst betrifft“ dies waren Bernds Worte über den Verlauf seiner letzen Lebensmonate. Seine Erkrankung nahm eine dramatisch schnelle und schmerzhafte Entwicklung ein. Sein Freund Franz renovierte langsam in dieser Zeit Bernds Wohnung und wir waren über diese Langsamkeit froh, da wir Bernd in guten Händen wussten.

Gedenkstein für Bernd LemkeWir versuchten viele Augenblicke mit Bernd zu leben. So fuhren wir gemeinsam auf den Petersberg als Ausflug von seinem Sterben. Für Bernd war es eine Herausforderung und Belastung, die seine Lebensfreude hätte zeigen können, wären nicht seine unerträglichen Schmerzen gewesen.
Wir waren mit ihm fassungslos und erschüttert, dass er und seine Lebensgefährtin Wanida nicht heiraten konnten. Wieder musste Bernd erleben, wie engstirnige Gesetze sein Leben eingrenzten. Wanida war in den letzten Monaten sein Sonnenschein, sie zauberte bis zum Schluss immer wieder ein Lächeln auf sein Gesicht. Mit ihr fühlte er sich stark und geborgen.

Bevor Bernd ging, verabschiedete er sich
mit seinem schönsten Lächeln von uns.
Er bleibt für immer in unseren Hezen.

 

 

Gedenkbaum 18. November 2008

im Gedenken an Bernd LemkeAm Abend der Einweihungsfeier des neuen Standortes Neuerburgstraße am 18. November 2008 pflanzten wir im Andenken an Bernd Lemke einen Kirschbaum.

Der “Vater” des Kölner Junkie Bund und langjährige Aktivist des bundesweiten JES Netzwerks (Junkies/Ehemalige/Substituierte) hat damit auch sichtbar den Platz besetzt, den er als Mensch und Ideengeber immer bei VISION haben wird.

Der Baum soll auch an unsere eigenen Wurzeln erinnern und verdeutlichen, wie viel jeder einzelne von uns mit Engagement erreichen kann.

„Bernd? Wer ist Bernd?“ August 2010

von Hartmut Organiska„Den kennst du nicht?“ – „Nein, wer ist das?“ –
„Dat glöv ich nich, dat du den nich kennst!“

Bernd LemkeDas war 1994, als mir ein Junkie auf der Szene sagte, er müsse Sozialstunden bei „Bernd“ machen. In einer Selbstverständlichkeit wurde „nur“ Bernds Name genannt so, als müsse es doch jedem Junkie klar sein, wer oder was Bernd ist.

In den nächsten Monaten und Jahren hörte ich immer mal wieder, dass er etwas tat für die Junkies. Mit ihm konnte man sprechen, wenn es Probleme gab bei Ämtern oder Ärzten, wegen der Vergabe von Codein oder sonst irgendwas.

Eine Forderung von Bernd war u.a. die Möglichkeit für jeden, in dafür vorgesehenen Räumen konsumieren zu dürfen. Ich dachte mir damals, entweder hat der den Knall nicht gehört oder der kann nicht alle Tassen im Schrank haben. So eine Utopie, Fixer dürfen offiziell in einem Raum ihren Schuss setzen? Spinnt dieser Bernd?

Bernd Lemke (2004)Jahre später – so um 1997 – wartete ich mit einem mir bisher Unbekannten früh morgens vor der Tür meines Arztes auf die Öffnung der Praxis, denn um 8 Uhr konnten wir unser Methadon abholen. Irgendjemand sprach ihn irgendwann mit „Hallo Bernd“ an und ich erstarrte ein wenig in meiner Haltung. Ich dachte „Oh Gott der Spinner?“ An diesem Morgen sah ich ihn zum ersten Mal und er sah nicht abgedreht aus… sondern eher sympathisch. Ich fasste mir Mut und sprach ihn mit den Worten an „So, du bist also der Bernd“ Seine Antwort „Ja, der bin ich. Wieso?“ „Nun, ich hab gehört, du machst da ´nen Verein für Junkies – und was machst du da so?“ Ich war gespannt auf seine Erklärungen, doch Pech für mich, denn seine Antwort fiel kurz aus. „Komm doch einfach mal vorbei!“ „Nee, auf Selbsthilfegruppe mit Therapiegeschwaffel hab ich keinen Bock, sei mir nicht böse, aber danke.“ – Er grinste über beide Wangen und meinte „Machen wir nicht, musst du auch nicht“. Er wurde mir sympathischer.

In den Reihen, KölnEinige Jahre später veränderten sich mal wieder die Vorschriften und jeder Substituierte musste auf einmal eine psychosoziale Begleitung kurz PSB haben. Ich demnach auch und da dachte ich: „Frag diesen Bernd doch mal, der weiß bestimmt, wo ich eine bekomme“. Tage später traf ich ihn wieder beim Arzt und fragte nach einer PSB, aber bitte ohne Therapiegruppe im Kreis und so. Er versprach mir, dass ich es nicht machen muss, sondern ich sollte in Kalk vorbei kommen. Der Verein wäre „In den Reihen“ und er erklärte mir den Weg. Wieder ein paar Tage später war ich dort. Als ich vor dem Gebäude stand, dachte ich „Oh ha, nicht schön hier – na ja, ich will ja nur eine PSB“. Es lief alles unerwartet unkompliziert ab – ein erstes Gespräch über meine Vorstellungen und ich hatte meinen PSB-Betreuer.

Taunusstraße, KölnIch kam dann regelmäßig zu den Gesprächsterminen, später auch in der Taunusstraße, dem neuen Standort des Vereins. Irgendwann reparierte ich das Schrankschloss, baute Tresenhocker zusammen, mittags aß ich dort und lernte Bernd mehr und mehr kennen. Ich lernte auch viel über die Problematik, die andere Junkies hatten. Wusste hier und dort auch einen Tipp zu geben. Nach und nach verstand ich Bernd und die Philosophie in Sachen Drogenselbsthilfe. Durch den Wissensaustausch interessierte ich mich mehr und mehr für Drogenselbsthilfe und bekam auch Einblick in die Arbeit von JES.

Eines Tages fragte Bernd, ob ich nicht Interesse hätte, mich etwas mehr einzubringen. Das es darum ging in den Vorstand gewählt zu werden kam eher beiläufig raus. Das wäre nicht viel Arbeit. Einmal im Monat ist ein Treffen von ein oder zwei Stunden und es würde nur über die Belange vom Verein geredet. – Ich stimmte zu, obwohl mir sein Grinsen schon verdächtig vorkam. Aber so war er nun mal. Auf seine charmante Art jemanden überzeugen – das konnte er.

 

Bernd LemkeDas war nur eine kleine Geschichte von mir. Jeder der Bernd Lemke kennengelernt hat, weiss wohl eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Und was mich bis heute wundert: von niemandem hörte ich jemals so was wie „Bernd war auch nicht immer korrekt“. Ganz im Gegenteil. Und es ist schon fast unheimlich, dass jeder nur gute Worte für ihn übrig hat. Somit muss er alles richtig gemacht haben. Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein.

Wenn mich heute jemand nach Bernd fragt, kann ich erwidern „Wie? Du kennst Bernd nicht? Wo kommst du denn her?“

 

Ich bin sehr froh, dass ich ihn kennenlernen durfte, denn ohne ihn würde nicht nur ich heute nicht bei VISION arbeiten, sondern es würde vielen von uns viel schlechter gehen.

Bernd, du bist nicht vergessen!

Hartmut Organiska

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.vision-ev.de/verein/geschichte/bernd/