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13 Jun 2014

Leiche vom Balkon geworfen

2014-06-13-KStA-LeicheKölnberg Toter ist 36 Jahre alter Litauer – Wohnung wohl von Drogenabhängigen genutzt

VON CLAUDIA HAUSER

Zwei Schaukeln baumeln im Wind auf einem Spielplatz am Kölnberg in Meschenich. Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen langsam vorbei, bleibt irritiert stehen und blickt dorthin, wohin alle schauen: Eine Leiche liegt im Schatten eines Hochhauses im Gras, kaum bedeckt, etwa 50 Meter vom Spielplatz entfernt. Ein penetranter Geruch von Fäulnis und Verwesung breitet sich in der Straße An der Fuhr aus.

Nachbarn hatten um 9.50 Uhr die Polizei alarmiert. „Hier ist irgendetwas von einem Balkon gefallen“, sagte einer. Weitere Anrufe gingen ein. Der Tote ist direkt vor das Fenster einer Kindertagesstätte auf den Rasen gefallen. Nach ersten Ermittlungen soll der Mann von einem Balkon im neunten Stock geworfen worden sein. Sein Körper ist schon stark verwest, nach den Ergebnissen der Obduktion soll es sich um die Leiche eines 36 Jahre alten Litauers halten. Ein Tötungsdelikt wird derzeit nicht ausgeschlossen, die Ermittlungen dauern an.

Unklar ist beispielsweise, wie lange der Mann in der Wohnung gelegen und wer ihn vom Balkon geworfen hat. Zeugen sagten der Polizei, dass sie vor dem Aufprall des Körpers eine Frau gehört hätten. „Mach das nicht!“, soll sie gerufen haben.

Im Flur und im Treppenhaus des Hochhauses ist der Gestank kaum auszuhalten. Eine Frau sagt: „Ja, gewundert haben wir uns schon über den Geruch. Der wurde ja auch immer schlimmer.“ Auf die Idee, die Polizei zu alarmieren, ist offenbar niemand gekommen.

Es ist absolut schockierend, welchen Ereignissen die Kinder und Jugendlichen hier ausgesetzt sind
Azbiye Kokol

„Hier fliegen immer wieder Matratzen aus den Fenstern, Fernseher – neben meinen Sohn ist sogar mal eine Waschmaschine auf dem Beton aufgeschlagen“, sagt ein Mann. „Jetzt also eine verweste Leiche – das gibt es doch alles nicht.“ Er wendet sich an die Polizisten und wiederholt den Satz: „Das gibt es doch alles nicht.“ Wie zu erfahren war, soll in der Wohnung niemand gewohnt haben, sie könnte eher von mehreren Drogenabhängigen als Rückzugsort und anonymer Umschlagplatz genutzt worden sein. Die Polizei hat eine Mordkommission eingesetzt. „Wir haben eine Obduktion beanträgt, um die Todesursache zu klären“, sagt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer.

Azbiye Kokol leitet das Jugendzentrum um die Ecke. „Ich bin sprachlos“, sagt sie. Noch bevor der erste Streifenwagen am Kölnberg war, wusste sie von einem Jugendlichen, was passiert ist. „Es ist absolut schockierend, welchen Ereignissen die Kinder und Jugendlichen hier ausgesetzt sind.“ Viele Eltern hätten schon Angst, ihre Kinder rauszuschicken.

Am Fundort der Leiche versammeln sich im Laufe des Vormittags immer mehr Nachbarn. Es dauert nicht lange, da machen die ersten Fotos die Runde, die Anwohner von ihren Baikonen aus gemacht haben. Azbiye Kokol weiß, dass viele Kinder die Bilder der Leiche sehen werden. „So was geht ganz schnell rum, das ist leider so“, sagt sie. „Zum Schutz der Spuren durften wir die Situation nicht verändern, den Leichnam nicht abdecken“, sagt eine Polizeisprecherin. Der Tote wird erst abgedeckt und abtransportiert, nachdem Rechtsmediziner da waren und ihn in Augenschein genommen haben – vier Stunden nach dem Fund.

Anonymes Leben
Mehr als 4000 Menschen aus 60 Nationen leben am Kölnberg am Rande von Meschenich. Viele von ihnen sind langzeitarbeitslos. In den bis zu 26 Etagen hohen Häusern der Hochhaussiedlung an den Straßen An der Fuhr und Alte Brühler Straße geht es anonym zu. Die grauen Wohnklötze wurden in den 1970er Jahren auf den Acker gebaut, der Kölnberg gilt als sozialer Brennpunkt, (hsr)

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