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29 Dez 2008

Drogenkurier Nr. 76

Titelthemen

  • Drogen in Europa
  • Vom Junkie Bund Köln zu VISION e.V.
  • Substitution und Führerschein
  • 4 Jahre Haft für Dr. Föllmer

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Drogenkurier Nr. 76 (PDF – 2,2 MB)

Die Vision des
Junkie Bund Köln

Neuer Vereinsname, neue Leitung, neue Adresse

Beim Kölner Junkie Bund, einer der ältesten Gruppen des JES-Netzwerks, hat es in den letzten Monaten vielfältige Veränderungen und Neuerungen gegeben, die wir euch in diesem Bericht vorstellen wollen.

Ein Blick zurück
Im Februar 1990 wurde der „Junkie Bund Köln e.V.“ (heute „Vision e.V.“) – von Bernd Lemke ins Leben gerufen. Den Hintergrund für die Vereinsgründung bildeten ein ausschließlich auf Abstinenz ausgerichtetes Drogenhilfesystem, die Tatsache, das Drogengebraucher in hohem Maße von HIV/Aids betroffen waren, sowie die Motivation nun selbst die Interessen Drogen gebrauchender Menschen zu vertreten. Dieses „Paket“ bildete die Basis für einen kontinuierlichen Auf- und Ausbau des Junkie Bundes.

Die ersten Monate verbrachte der Junkie Bund als Gast der Kölner AIDS-Hilfe. Dort wurden die Grundlagen für die Eröffnung der ersten eigenen Anlaufstelle im rechtsrheinischen Mühlheim geschaffen. In einer normalen Wohnung wurde hier durch das Gesundheitsamt substituiert, ein Cafébetrieb lief parallel und es war täglich „die Hölle los“. Nach einigen Jahren erfolgte dann der Umzug nach Kalk, in ein Industriegebiet. Der Standort war nicht gut gewählt, denn es gab keine Nähe zur Szene und selbst ein Shuttleservice brachte kaum Besucher. Ein weiterer Umzug wurde unumgänglich. Wir blieben in Kalk rückten aber näher an die Kalk Post (damals der Treff der offenen Szene).

Der Weg, den der Junkie Bund eingeschlagen hat und der nach langer und harter Arbeit im Mai 2002 zur Anerkennung als staatliche Drogenberatungsstelle führte, wurde durch die aufkeimende Substitution und das Nordrheinwestfälische „Kontaktladenmodell“ unterstützt. Die durch das Land NRW zur Verfügung gestellten Mittel wurden genutzt, um eine Anlaufstelle für aktuell Drogengebrauchende, Substituierte und Ehemalige zu gründen.

Sehr früh entschied sich der Junkie Bund, neben den durch Selbsthilfe getragenen Bereichen, auch psychosoziale Begleitung für Substituierte anzubieten. Hierzu werden seit fast 15 Jahren auch diplomierte Sozialarbeiter/-pädagogen beschäftigt. Diese Entscheidung wurde im Netzwerk nicht von allen begrüßt aber letztlich hat sich das Modell als erfolgreich erwiesen.

Konflikte und Verluste:
Unser letztes „Zuhause“ in der Taunusstraße brachte einen Konflikt mit der Anwohnerschaft mit sich, den wir in dieser Schärfe bisher nicht kannten. Die Vertreibung der offenen Szene von der Kalk-Post führte dazu, dass sich immer mehr Konsumenten in Humboldt Gremberg aufhielten, wo auch der Junkie Bund sein neues Domizil hatte. Die Unzufriedenheit eines Teils der Bürgerschaft fand in uns ein Ventil – eine Einrichtung zu bekämpfen ist schließlich einfacher als gegen Menschen vorzugehen –. Die Auseinandersetzung gipfelte darin, dass sich der Bürgerverein mit der rechtsradikalen Partei „ProKöln“ zusammentat und eine Demonstration gegen den Junkie Bund organisierte.

Die nächste Hiobsbotschaft war die Streichung der Förderung durch das Land NRW. Als Konsequenz musste eine der pädagogischen Mitarbeiterinnen gekündigt werden und ca. 40 Substituierte standen dem Verlust ihrer PSB gegenüber. Glücklicherweise konnte gemeinsam mit der Stadt für alle eine neue psychosoziale Begleitung organisiert werden.

Mitten in dieser Konfrontation erlitt der Junkie Bund einen großen persönlichen Verlust durch den Tod von Bernd Lemke, der seit der Gründung das Gesicht und die treibende Kraft des JBK war. Die Lücke die Bernd im Junkie Bund und in uns hinterließ konnte nur durch den großen Zusammenhalt des ganzen Teams ein Stück weit geschlossen werden. Die formalen Aufgaben des Geschäftsführers übernahm kommissarisch Axel Hentschel. Selbst in dieser Krise konnte er viel für uns erreichen. Seinem Engagement ist unter anderem zu verdanken, dass die Streichung der Landesförderung durch die Stadt Köln aufgefangen wurde.

Ein Neubeginn
Die Auseinandersetzung mit dem Bürgerverein und ProKöln hatte zur Folge, dass der Junkie Bund wieder einmal umziehen sollte. Die Stadt entschied sich, einen Neubau in Leichtbauweise errichten zu lassen, um uns nach nunmehr 18 Jahren kontinuierlicher und erfolgreicher Arbeit auch optimale räumliche Voraussetzungen zu schaffen. Mit dem Umzug flammte erneut eine Diskussion auf, dem Verein einen anderen Namen zu geben.

Die Zeit war reif und der Zeitpunkt günstig. Der Umzug stand an, es gibt eine neue Geschäftsführung u.v.m. Die Mitgliederversammlung traf schließlich die Auswahl und entschied sich für „Vision e.V. – Verein für innovative Drogenselbsthilfe“.

Wir wollen mit der Namensänderung u. a. der Tatsache Rechnung tragen, dass es im Selbstverständnis von Drogengebrauchern große Veränderungen gibt.

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir mit unserem großen Arbeits- und Beschäftigungsprojekt den Teilnehmern einen Wiedereinstieg ins Erwerbsleben ermöglichen. Dazu gehört ein qualifiziertes Zeugnis, das in künftigen Bewerbungen berücksichtigt werden kann. Der Name Junkie Bund nötigt den Projektteilnehmern hier eine Erklärung und damit verbunden ein (Zwangs)-Outing ab. Das kann nicht unser Interesse sein. Gleiches gilt für Besucher, die uns als postalische Anschrift nutzen.

Was sich jedoch nicht verändern wird ist unsere Philosophie und unser Selbstverständnis. Wir sind und bleiben eine lebensstilakzeptierende Selbsthilfeeinrichtung und ein Teil des JES-Netzwerks denn genau dies macht uns einzigartig und lässt im Kontakt zu unseren Besuchern viele Erklärungen überflüssig werden.

Ambulant betreutes Wohnen
Seit kurzem bieten wir nun auch als weiteres Arbeitsfeld das „Ambulant betreute Wohnen“ an. Das Angebot wendet sich an Konsumenten illegaler Substanzen und Substituierte.

Im Mittelpunkt unseres Angebots stehen Wünsche und Bedürfnisse des betreuten Menschen. Die Unterstützung von eigenverantwortlichem Handeln dient der Sicherung der Selbstachtung und wirkt so gesellschaftlicher Ausgrenzung und Stigmatisierung entgegen.

Das „Ambulant betreute Wohnen“ beinhaltet auch die psychosoziale Begleitung (PSB) für Substituierte. Wir hoffen damit mittelfristig unsere Arbeit etwas weiter finanziell absichern zu können.

Ebenfalls neu ist die Zusammenarbeit mit Hannelore Kneider vom Landesverband der Eltern und Angehörigen, die bei uns eine Elterngruppe aufbauen möchte und immer freitags von 12.00 bis 16.00 Uhr im Kontaktladen erreichbar sein wird.

Das Kernstück unserer Arbeit wird aber nach wie vor der Kontaktladen mit all seinen Angeboten sein. Einweihung des neuen Standortes Am Dienstag, dem 18.11. fand dann endlich auch die offizielle Einweihungsfeier statt. Wir feierten die Namensänderung, stellten unsere neue Anlaufstelle vor und informierten über die verschiedenen Bausteine unserer Arbeit (niedrigschwellige Anlaufstelle, Beratung, Ambulant betreutes Wohnen, psychosoziale Begleitung, Beschäftigung, Prävention und Selbsthilfe).

Etwa 200 Gäste aus Köln, und anderer Städte füllten unseren neuen Cafébereich.

In ihren Redebeiträgen hoben u. a. Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes, die Sozialdezernentin Marlies Bredehorst und Ossi Hellig, Vorsitzender des Sozialausschuss des Kölner Rats, den Wert akzeptierender Drogenselbsthilfe hervor und blickten auf die erfolgreiche Arbeit des Junkie Bund zurück.

Anschließend pflanzten wir im Andenken an Bernd Lemke einen Baum auf unserem Grundstück. Der Baum soll auch an unsere eigenen Wurzeln erinnern und verdeutlichen, wie viel jeder einzelne von uns mit Engagement erreichen kann. Danach gingen, mit Eröffnung des Buffets, alle zum geselligen Teil des Abends
über. Es wurden noch viele Glückwünsche ausgesprochen und Gespräche geführt.

Nicht zuletzt möchte ich mich an dieser Stelle aber auch bei meinem ganzen Team – Simon, Hakki, Jochen, Manfred, Ulrike, Rudi, Rolf, Beate, Gerti, Trudi, Ibo, Sabrina – bedanken. Ohne eure engagierte Mitarbeit wäre solch ein Erfolg nicht möglich gewesen.

Marco Jesse

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