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01 Jun 2016

Beitrag aus Aidshilfe NRW Jahresbericht 2015

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Unter diesem Motto fand im Juni 2015 in Düsseldorf der 7. Deutsch-Österreichische AIDS-Kongress statt. Zuletzt hatte in Nordrhein-Westfalen eine solch große und im deutschen Sprachraum wichtige Tagung 1999 in Essen stattgefunden, damals noch unter der Bezeichnung Deutscher AIDS-Kongress. Daher lag es für die Aidshilfe NRW nahe, sich hier als größter Landesverband der Aidshilfen mit großer personeller Beteiligung und profilierten Veranstaltungen innerhalb des Community-Programms zu präsentieren.

Bereits im Vorfeld engagierten sich die Geschäftsführer*innen der Deutschen AIDS-Hilfe, Aidshilfe NRW und AIDS-Hilfe Düsseldorf, Silke Klumb, Patrik Maas und Peter von der Forst, im wissenschaftlichen Komitee des Kongresses und sorgten mit dafür, dass aus unserer Sicht relevante Themen und Fragestellungen im Kongressprogramm vorkamen und wir uns mit den Strukturen des Verbands, unseren Mitgliedsorganisationen und Landesarbeitsgemeinschaften einbringen konnten.

Freilich war dieses Community-Programm keine reine „Leistungsschau“ der Aidshilfe NRW, vielmehr lag der Reiz darin, gemeinsam mit Kongressteilnehmer*innen unsere Themen und Ansätze diskutieren und neue Strategien andenken zu können. Dass auch Mediziner*innen an unseren Foren teilnahmen und sich teilweise engagiert an der Diskussion beteiligten, bereicherte den fachlichen Austausch. Während der vier Kongresstage waren wir für sechs Veranstaltungen mitverantwortlich beziehungsweise die durchführende Organisation. Darüber hinaus fungierten Kolleg*innen als Chairpersons großer Foren, betreuten die Ausstellung „Herzenslust und Ich“ sowie einen [symbolischen] Druckraum im Bereich des Kongresses. Den Auftakt des Veranstaltungsreigens bildete ein Presseseminar, zu dem wir gemeinsam mit Holger Wicht von der Deutschen AIDS-Hilfe und Yvonne Hochtritt von der AIDS-Hilfe Düsseldorf eingeladen hatten. Hier gaben wir Journalist*innen detaillierte Hintergrundinformationen zum Leben mit HIV, zum Stand der Dinge in Forschung und Behandlung sowie der medizinischen Versorgungssituation in Nordrhein-Westfalen. Wir betonnten dabei, dass Patient*innen die Wahl haben sollten, sich in der HIV-Ambulanz einer Klinik oder von niedergelassenen HIV-Schwerpunktärzt*innen behandeln zu lassen. Zusätzlich machten wir in Einzelinterviews darauf aufmerksam, dass die Versorgung durch HIV-Schwerpunktpraxen in zumutbarer Nähe flächendeckend schon jetzt nicht mehr gewährleistet ist. Auch auf Diskriminierung von Menschen mit HIV im Gesundheitswesen konnten wir die Kolleg*innen der Medien aufmerksam machen.

Zeitgleich fand der Workshop „HIV und Arbeitswelt“ statt. Hier stellten wir die Kernaussage der Empfehlungen der Landeskommission AIDS zum Umgang mit Menschen mit HIV im Arbeitsleben vor: „Jeder Beruf kann auch mit einer HIV-Infektion ausgeübt werden und Ansteckungsrisiken bestehen im Berufsalltag nicht.“ Noch immer werden Menschen mit HIV, die offen mit ihrer Krankheit umgehen, in der Berufswelt mit Unwissenheit, Vorurteilen und Ansteckungsängsten konfrontiert und haben nicht selten unter Diskriminierung und Mobbing zu leiden. In der Veranstaltung wurden Möglichkeiten diskutiert, Unternehmen und Belegschaften dafür zu sensibilisieren, dass die Teilhabe von Menschen mit HIV in der Arbeitswelt verbessert wird und wie Menschen mit HIV ermutigt werden können, im Beruf aktiv zu werden und dort ihre Rechte wahrzunehmen. Vor der offiziellen Opening Session des Kongresses wurde die Ausstellung „Herzenslust und Ich“ zu 20 Jahren Herzenslust präsentiert. Hierzu waren nicht nur zahlreiche Präventionisten aus den regionalen Herzenslust-Teams gekommen, auch Gäste aus dem Landtag, dem Gesundheitsministerium sowie befreundeten Aidshilfen nahmen hieran teil.

Höhepunkt der Eröffnung des 7. Deutsch-Österreichische AIDS-Kongresses unter dem Motto „WISSENschafftZUKUNFT – Gemeinsam auf dem Weg zur Heilung“ war zweifellos die Festrede der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth. Leidenschaftlich wandte sie sich gegen die „Herabwürdigung“ von Menschen mit HIV und sprach sich für die Öffnung der Ehe aus. Süssmuth brachte es in Anspielung auf das Kongressmotto so auf den Punkt: „Wenn Wissen nicht mit Haltung verbunden ist, schafft es auch keine Zukunft.“ Anschließend zog sie zog Bilanz ihres politischen Engagements für eine HIV/Aids-Politik ohne Ausgrenzung und Herabwürdigung. Unter den zahlreichen Preisen, die während der Kongresseröffnung verliehen wurden, erhielt das Filmprojekt „Julian“ des anyway in Köln den Juniorpreis im Rahmen der Verleihung des Medienpreises der Deutschen AIDS-Stiftung. Den HIV-Community-Preis der Deutschen AIDS-Gesellschaft, der Deutschen AIDS-Hilfe und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte erhielt unter anderem der Kontaktladen von VISION in Köln. VISION war dann auch an der Ausrichtung des Workshops zum intravenösen Drogenkonsum am zweiten Kongresstag beteiligt. Hier stellten wir zunächst das Spritzenautomatenprojekt in Nordrhein-Westfalen vor, das den niedrigschwelligen Zugang zu sterilen Spritzutensilien vor allem in ländlichen Regionen gewährleistet und das landesweit weiter ausgebaut werden muss.

Anschließend stand der Kontaktladen von VISION in Köln im Fokus, wo Drogen Gebrauchende in die Beratungsarbeit einbezogen werden. Die 2015 veröffentlichte DRUCK-Studie belegt die Notwendigkeit, solche Hilfsangebote noch mehr für Beratung, Informationen und Tests zu nutzen, weil zu viele der befragten Personen Infektionsrisiken eingehen, zu wenige geimpft sind und zu wenige aktuell gegen HIV und Hepatitis behandelt werden. Darüber hinaus machten wir auf den Mangel an offiziellen Konsumplätzen, besonders in Köln und anderen Großstädten, sowie an ausreichenden medizinischen Angeboten im Strafvollzug aufmerksam. In einer gemeinsamen Session von Community und Ärzteschaft ging es um die Herabsetzung von Menschen mit HIV in der Medizin. Noch immer gibt es Schweigepflichtverletzungen, Verletzungen des Datenschutzes, Abweisung von Menschen mit HIV in Praxen und Zahnarztpraxen und Sonderbehandlungen, beispielsweise wegen angeblicher Hygienevorschriften. Der HIV-Status rückt völlig unverhältnismäßig in den Mittelpunkt der Behandlung. Der Abbau von Diskriminierung ist ein wichtiger Schlüssel zur Verbesserung der Behandlung von Menschen mit HIV, weshalb wir diese auffordern, solche Diskriminierungen durch Beschwerden, beispielsweise bei der Kontaktstelle zur HIV-bedingten Diskriminierung der Deutschen AIDS-Hilfe, zu melden und diese deutlich sichtbar zu machen.

Am dritten Tag positionierte sich POSITHIV HANDELN NRW und erläuterte anhand des jüngst vollzogenen Leitbildprozesses die vielfältigen Möglichkeiten der Mitwirkung, der Gestaltung und des politischen Engagements von Menschen mit HIV. Positive sollen flächendeckend untereinander vernetzt sein, um gegen Diskriminierung und Stigmatisierung vorzugehen. Im Anschluss stellte sich die Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und HIV/Aids vor. Dr. Doris Reichelt von der Uniklinik Münster und Annette Ritter von der AIDS-Hilfe Münster beschrieben anhand von Fallbeispielen, wie die enge Kooperation von Klinik und Aidshilfe Frauen mit HIV zugutekommt. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen mit derselben Muttersprache wie die Patientinnen können darüber hinaus zur Verbesserung der Situation der Frauen beitragen. Der anschließende Vortrag über verschiedene Möglichkeiten der HIV-Prophylaxe und psychosoziale Aspekte der Prävention bei Frauen führte zu der Frage, ob diese in jedem Fall die freie Wahl dieser Möglichkeiten hätten. Im Auditorium wurde das differenziert gesehen. Insbesondere müsse Prävention immer auf die Zielgruppe zugeschnitten sein. Eine spannende, differenzierte Diskussion, die von Einzelnen noch nach Beendigung des Workshops weitergeführt wurde.

Am letzten Kongresstag überlegten die Kollegen von Herzenslust, inwiefern sich Medizinalisierung und Verhaltensund Verhältnisprävention gegenseitig ausschließen. Anhand des Beispiels San Francisco, wo Kürzungen der Präventionsmittel zur schwerpunktmäßigen Verfolgung von „Test and Treat“ geführt haben, wurde diskutiert, inwieweit die Verhaltens- und Verhältnisprävention weiterhin ein wichtiger Schwerpunkt in Deutschland bleiben muss. Man kam überein, dass dieses Modell der strukturellen Prävention hier in Deutschland unerlässlich ist. Die Fortschritte in der biomedizinischen Prävention haben aber auch rasante Entwicklungen in unserer Präventionsarbeit zur Folge. Daher steht Herzenslust NRW für das Konzept der Verhaltens- und Verhältnisprävention unter Einbeziehung neuester wissenschaftlicher Ansätze.

In der Final Session des Kongresses wurde noch einmal über die Präexpositionsprophylaxe [PrEP] diskutiert. Hier nehmen HIV-negative Personen präventiv Medikamente der antiretroviralen HIV-Therapie ein, um sich vor einer möglichen HIV-Infektion zu schützen. Sowohl Vertreter*innen aus der Community als auch aus der Ärzteschaft wägten das Für und Wider dieses Konzeptes ab. Alles in allem eine spannende Diskussion, der auch wir als Aidshilfe NRW uns nicht verschließen werden. Unser Fazit: PrEP muss als ergänzendes Präventionsinstrument einbezogen, aber nicht gegen herkömmliche Präventionsstrategien ausgespielt werden. Im Rahmen der Posterpräsentationen konnte aus unseren Zusammenhängen eine Reihe von Themen eingebracht werden. So waren während der Kongresstage folgende Poster zu sehen und wurden von Kolleg*innen vorgestellt: „20 Jahre Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und HIV/Aids in NRW: Qualitative Veränderungen der landesweiten Vernetzung nach Einführung der gemeinsamen Marke XXelle“, „Psychosoziale Unterstützung für Kinder und Jugendliche, die mit HIV/Aids leben“, „Socke & Schuss – mit Herzenslust bis in die Puppen! Wie Prävention zu HIV und STIs in sozialen Medien gelingt“, „Walk in Ruhr – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin: das Bochumer Modellprojekt“ und „Effektivität der Prävention durch Kooperation: Arbeitsgemeinschaft AIDS-Prävention NRW“.

Es waren insgesamt vier spannende Tage, die uns als Landesverband nicht nur die Gelegenheit boten, unsere Arbeit einer breiten Fachöffentlichkeit vorzustellen. In den Sitzungspausen, am Rande der Posterpräsentationen, während der gemeinsamen Bootsfahrt auf dem Rhein, die von der AIDS-Hilfe Düsseldorf und von Mitgliedern des Community Board organisiert wurde, und beim großen Gesellschaftsabend in den Düsseldorfer Rheinterrassen war umfassend Gelegenheit, mit den Kolleg*innen aus den Aidshilfen, mit Ärzt*innen und anderen Kongressteilnehmer*innen aus Politik, Pharmaindustrie und Presse zu sprechen, Ideen auszutauschen und in den Workshops und Foren vorgestellte Themen zu diskutieren. Der nächste Deutsch-Österreichische AIDS-Kongress findet 2017 in Salzburg statt.

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