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02 Mrz 2018

Kölner setzen Millionen mit Cannabis um

Kölner setzen Millionen mit Cannabis um

START UP – Die Cannamedical Pharma profitiert von der Freigabe des Handels zu medizinischen Zwecken vor einem Jahr

VON WILLI FELDGEN

Köln. Mit dem Druck aktueller Visitenkarten für seine Beschäftigten kommt das junge Start-up-Unter-nehmen kaum nach: Zum wiederholten Mal seit dem Start ihrer Geschäftsaktivitäten vor einem Jahr ist die Cannamedical Pharma GmbH in Köln umgezogen. Vor drei Wochen hat das Unternehmen die gesamte 16. Etage im Kölnturm des Mediaparks bezogen.

Das junge Unternehmen kam bereits im ersten Rumpfgeschäftsjahr auf einen Millionenumsatz und beschäftigt schon 22 Mitarbeiter. Bis Ende März soll die Mitarbeiterzahl auf 30 steigen, berichtet Verkaufschef Niklas Kouparanis.

Cannamedical ist in einem extrem stark wachsenden Markt aktiv: dem Handel mit medizinischem Cannabis. Erst seit dem 10. März 2017 ist dieses Geschäft in der Bundesrepublik legal. Cannamedical-Gründer David Henn hat das damit verbundene Potenzial früh erkannt und konnte mit einer Lizenz für den Arzneimittelgroßhandel und den Verkauf des medizinischen Rauschmittels an Apotheken unmittelbar nach der Legalisierung des Cannabis-Handels seine Geschäfte aufnehmen.

Ein Cannabis-Lager gibt es im Mediapark aber nicht: Die Ware befindet sich in einem 900 Quadratmeter großen Betäubungsmittellager. Alle Prozesse dort sind videoüberwacht und mit einer Aufschaltung zur Polizei und zu einem Sicherheitsdienst versehen. Von diesem „mitten in Deutschland“ gelegenen Lager werden alle Partner-Apotheken innerhalb von 24 Stunden beliefert.

Die Nachfrage in Deutschland überstieg sehr schnell das verfügbare Angebot, berichtet Kouparanis. Cannamedical bezieht seine Ware derzeit noch allein vom niederländischen Cannabis-Herstel-ler Bedrocan – „dem einzigen Hersteller von medizinischem Cannabis in Europa“, wie der Verkaufsdirektor berichtet. Aber die dort produzierten Hanf-Blüten sind nicht in der benötigten Menge verfügbar. Deshalb werden sie den Abnehmern derzeit noch zugeteilt.

Rund 300 Kilogramm medizinisches Cannabis haben die Kölner 2017 verkauft und ihre Finanzplanung deutlich übertroffen, wie Firmengründer Herrn Anfang dieses Jahres sagte. Im November 2017 hatte er das Umsatzziel für das vergangene Jahr mit 2,2 Millionen Euro beziffert. Kouparanis schätzt, dass das Unternehmen – wäre nur genügend Ware verfügbar gewesen – 2017 leicht auch das Fünffache hätte verkaufen können.

Voraussetzung für die Abgabe von medizinischem Cannabis in den Apotheken ist, dass Patienten von ihrem Arzt ein Rezept für Cannabis bekommen haben. Das Indikationsspektrum ist breit, bestätigt Kouparanis: „Bei chronischen Rückenschmerzen, bei multipler Sklerose oder zum Beispiel zur Linderung der Nebenwirkungen einer Chemotherapie“ könne Cannabis verschrieben werden. Erlaubt sei es aber im Prinzip für, jede Indikation, bei der sich Arzt und Patient einen Behandlungserfolg versprechen“. Profitieren sollen Patienten, bei denen andere Arzneimittel nicht helfen oder die Nebenwirkungen unzumutbar sind.

Vor der ersten Abgabe von Cannabis muss eine Apotheke bei der Krankenkasse erfragen, ob sie die Kosten übernimmt. Ablehnen dürfe die Kasse das nur „in begründeten Ausnahmefallen“, heißt es in einem Rundschreiben des Apothekervereins Nordrhein. Allerdings sollen sich Ablehnungen der Kassen inzwischen gehäuft haben.

Kosten entstehen den Versicherten gesetzlicher Krankenkassen im Rahmen der Selbstbeteiligung (Rezeptgebühr): Sie beträgt zehn Euro für eine übliche Verordnung von fünf Gramm Cannabisblüten, berichtet eine Kölner Apothekerin. Dieser Maximalbetrag wird von den Patienten erhoben, wenn die Krankenkasse für das jeweilige Medikament mehr als 100 Euro zahlen muss. Gut 20 Euro pro Gramm berechnen die Apotheker, weil sie die (eigentlich deutlich billigeren) Blüten prüfen, fein mahlen sowie abpacken und Cannabis damit als teureres „Rezeptur-Arzneimittel“ gilt.

Die Zahl der Cannabis-Patien-ten wächst schnell. An fang 2017 waren es gerade knapp 1000 Personen, die mit Hilfe einer Ausnahmegenehmigung vom Bundesinstitut für Arzneimittel Cannabis auf Rezept beziehen durften. „In den vergangenen zehn Monaten sind bei den großen gesetzlichen Krankenkassen aber schon mehr als 13 000 Anträge auf Kostenübernahme für Cannabis auf Rezept eingegangen – und die Tendenz ist weiter steigend“, sagt Kouparanis.

Basierend auf entsprechenden Marktdaten für Länder wie Kanada und Kalifornien wird die Zahl der Cannabis-Patienten auf ein Prozent der Bevölkerung geschätzt. Das entspräche 800 000 Nutzern von medizinischem Cannabis allein in Deutschland. Im laufenden Jahr erwarten die Kölner daher, dass sie ihren Umsatz gegenüber 2017 verzehnfachen werden. Die Goldgräberstimmung in der Branche führe dazu, dass plötzlich auch Investoren bereitstünden, die noch vor einem Jahr ein finanzielles Engagement in dem Unternehmen abgelehnt hätten. Gründer David Henn hält knapp 60 Prozent der Anteile der Cannamedical Pharma GmbH. Zweitgrößter Anteilseigner ist die Investmentgesellschaft SN-In-vests, die Fabian Thylmann gehört. Der Aachener Unternehmer hat mit den Sexportalen Youporn und Pornhub Millionen verdient und ist mit einem Anteil von inzwischen 20 Prozent bei Cannamedical eingestiegen.

Um den stark steigenden Bedarf an Cannabis künftig decken zu können, will Cannamedical einen neuen Liefervertrag auch mit einem Hersteller in Kanada abschließen. Die Nordamerikaner sind in dieser Branche Weltmarktführer, weil dort Anbau und Handel bereits seit 2001 erlaubt sind. Vom 1. Juli 2018 an sind in Kanada auch Erwerb und Konsum von Cannabis als Genussmittel legal. Erwachsene dürfen dann 30 Gramm Marihuana besitzen. Außer in Kanada und Uruguay sind Verkauf und Konsum seit Anfang dieses Jahres auch im US-Bundesstaat Kalifornien erlaubt.

Diese Entwicklung führt zu einem Boom bei den Cannabis-Her-stellern in Nordamerika: „In Kanada gibt es derzeit 84 Hersteller von medizinischem Cannabis und weitere 300 haben sich um einen Zulassung beworben“, sagt Kouparanis. Noch im laufenden Quartal soll die Versorgung von Cannamedical aus Kanada beginnen. Die Kölner wollen dann auch stärker in den Export einsteigen: In Europa stehen etwa schon Italien, Polen, Dänemark, Portugal und Griechenland auf der Liste, für Ländern wie Spanien, Norwegen und Schweden wird in naher Zukunft die Zulassung für medizinisches Cannabis erwartet.

An eine eigene Produktion in Deutschland, die ab 2019 möglich wird, denkt Cannamedical nicht: Eine Genehmigung dafür können nur Unternehmen bekommen, die bereits über Erfahrung im Canna-bis-Anbau verfügen – was in Deutschland bisher nur illegal möglich gewesen wäre. Kouparanis sieht aber auch andere Hindernisse: „Die Personal- und Energiekosten hierzulande sind einfach zu hoch.“ Südeuropa wäre dafür besser geeignet.

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