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28 Okt 1995

„Je höher du fliegst, desto tiefer fällst du“

1995_10_28_ksta_je_hoeher_d.jpgWie ist es, wenn man nicht mehr loskommt vom Heroin? Wenn man den täglichen „Kick“ braucht, auch wenn man davon vor die Hunde geht. Fünf Jugendliche haben einen gefragt, der es wissen muß: Bernd Lemke, 39, Ex-Junkie, mehr als zwanzig Jahre drogenabhängig. Im Jahr 1990 gründete er den Selbsthilfe-Verein „Junkiebund Köln e.V.“

Felix: Wann haben Sie angefangen, sich das Zeug zu spritzen? Lemke: Ich war 15 damals, war also insgesamt über 20 Jahre lang auf der Nadel. Damals gab’s noch kein Heroin auf der Szene, sondern es waren Opiate aus der Apotheke. Das war ganz reines Zeug, nicht so wie heute, wenn von Traubenzucker über Waschpulver bis Gips alles Mögliche beigemischt wird, um den Stoff zu strecken. Das macht Leute echt kaputt und rafft sie dahin.

Ruth: War Heroin gleich die erste Droge, mit der Sie angefangen haben oder haben Sie zuerst leichtere Sachen ausprobiert?

Lemke: Mein erstes Rauscherlebnis hatte ich mit Alkohol. Ich war damals zwölf Jahre, hatte eine Flasche Bier getrunken und war wirklich sturzbetrunken. Dann experimentierte ich mit Medikamenten aus dem elterlichen Arzneimittelschrank, mit Beruhigungsmitteln, Valium und sowas. Irgendwann kam ich mit Haschisch in Berührung, mit LSD, mit Aufputschmitteln, schließlich mit Heroin und Kokain.

Felix: Warum haben Sie überhaupt mit Drogen angefangen, hatten Sie Probleme in der Schule?

Lemke: Es ging mir gut. Es war einfach eine Bewußtseinsveränderung. Es war die Flower-Power-Be-wegung. Plötzlich hatte man sich lange Haare wachsen lassen, ist per Anhalter durch die Gegend getrampt — ich war in dem Alter, in welchem einen das faszinieren kann. Ich kannte Leute, die älter waren, und von denen irgendwie ein Gruppenzwang ausging. Ich dachte, »Pow, führen die ein tolles Leben«. Zu Hause war es langweilig, mein Vater war Beamter beim Bundesgrenzschutz, meine Mutter Hausfrau. Mich hat das andere Leben fasziniert. Aber es gibt ganz verschiedene Einstiegsgründe, es müssen nicht immer die Eltern Alkoholiker gewesen sein …

Smitha: Sucht ist im Kopf; man will den Rausch immer wieder erleben. Aber trotzdem gibt es den Unterschied zwischen seelischer und körperlicher Abhängigkeit. Heroin braucht man doch, glaube ich, wie Nahrung…

Lemke: Ja, es ist wie eine Stoffwechselkrankheit. Wenn du kein Heroin mehr hast, bekommst du Entzugssymptome. Bei Kokain kriegst du die nicht. Aber du bist psychisch fixiert. Wenn du das spritzt, hast du innerhalb von Sekunden einen Kick, ein Hochgefühl, das ist phänomenal. Aber je höher du fliegst, um so tiefer fällst du hinterher. Wenn der Stoff nicht mehr wirkt, fällst du in eine totale Depression. Um dem zu entgehen, machst du es immer wieder.

Ji-Young: Heroin ist ziemlich teuer, wie finanziert man das?

Lemke: Stell dir vor, du brauchst 200, 300 Mark am Tag — auch samstags, sonntags. Nur wenige finanzieren das durch Arbeit. Die meisten sind gezwungen, sich das Geld auf illegale Weise zu beschaffen, durch Ladendiebstähle, Prostitution. Oder sie arbeiten als Vermittler für den Dealer. Dafür kriegen sie Stoff.

Ji-Young: Wie groß war bei Ihnen die Abhängigkeit?

Lemke: Die war zeitweise ganz schön heftig. Die letzten Jahre habe ich Kokain und Heroin gemischt genommen. Das bedeutet, daß du doppelt so viel Geld brauchst. Du bist rund um die Uhr damit beschäftigt, Geld zu beschaffen. Das ist ein Full-time-Job, sehr, sehr stressig.

Kilian: Wann haben Sie dann gesagt „Mensch, jetzt muß ich aber aufhören? Nachdem Sie im Gefängnis saßen?

Lemke: Ich hatte im Jugendknast eine Broschüre über Therapie in die Hände bekommen und gemerkt, in meinem Leben läuft etwas schief. Ende der 70er Jahre habe ich dann die erste Langzeittherapie gemacht. Freiwillig. Nachdem ich ’ne Zeitlang clean war, bin ich aber wieder rückfällig geworden. Du mußt Dir das wie eine Drehtür vorstellen: Gefängnis, Entgiftung, Therapie, Rückfall, Drogenszene, Gefängnis. Erst als ich beim Arzt ins Methadon-beziehungsweise Polamidon-Programm gekommen bin, hab‘ ich meinen Weg gefunden. Es gibt keinen Königsweg. Therapie ist nicht für jeden eine Lösung. Und manche können oder wollen einfach nicht mehr aufhören.

Ruth: Was passiert in einer Therapie überhaupt?

Lemke: Das ist ’ne knallharte Sache, da mußt du sozusagen die Hosen runterlassen. Es finden Gruppengespräche statt, in denen du deine Problematik offenlegen mußt. Außerdem gibt es Einzelgespräche und eine Arbeitstherapie. Denn, wenn du eine Drogenkarriere hinter dir hast, hast du in der Regel viele Defizite. Viele Leute haben zum Beispiel noch nie gearbeitet, haben Probleme mit der Pünktlichkeit, all sowas, das wird alles neu gelernt. Therapie ist sozusagen ein Experimentierfeld unter einer Käseglocke.

Ji-Young: Hilft das denn so richtig, ich meine, kann man Probleme aufarbeiten, zum Beispiel, wenn sich Eltern nicht um ihr Kind gekümmert haben?

Lemke: Wenn du dich drauf einläßt und die Sache wirklich freiwillig mitmachst, dann ja. Nach der Therapie gibt es eine Nachsorge, zum Beispiel betreutes Wohnen in Wohngemeinschaften.

Ji-Young: Warum werden aber dann so viele Leute rückfällig?

Lemke: Die Zahl derjenigen, die mit einer Langzeittherapie über zwölf Monate Erfolg haben, ist ungefähr genauso hoch oder niedrig wie die der Selbstheiler. Das sind die Drogengebraucher, die im Lauf der Sucht quasi erwachsen werden, aus der Sucht herauswachsen und irgendwann sagen „Ich hör‘ jetzt auf, weil es so einfach nicht weitergehen kann“, wie bei Rauchern, die plötzlich aufhören.

Ruth: Vielleicht werden Leute rückfällig, weil sie nach der Therapie zu sehr auf sich allein gestellt sind, weil Freunde fehlen.

Lemke: Viele gehen zurück auf die Szene, weil sie dort Menschen kennen, das hat manchmal was von einem familienähnlichen Rahmen.

Ji-Young: Kann man denn die Leute nicht zwingen, eine Therapie zu machen, bis sie es wirklich verstanden haben . . .

Lemke: Wenn du so denkst, wäre es das Sicherste, den Menschen einzusperren, bis er schwarz wird.

Ji-Young: Nein, nicht einsperren .. .

Lemke: Das Wichtigste ist, das jemand freiwillig aussteigen will. Ich hab‘ drei Therapien gemacht, wollte rauskommen und bin trotzdem wieder drauf gekommen. Erst über das Methadon habe ich schließlich Erfolg gehabt.

Ruth: Es liegt immer am Menschen selber, der eine ist stärker, der andere eben schwächer.

Lemke: Es gibt ja zum Beispiel auch Menschen — ich kenne einige in Bayern, alte Bekannte von mir — die spritzen sich zwei, drei Mal Heroin im Jahr, die führen ansonsten ein ganz normales Leben, haben Frau, Kinder, gute Jobs. Diese Leute mißbrauchen die Droge nicht, sondern gebrauchen sie. Sie sind nicht süchtig danach, sondern benutzen es wie ein Genußmittel — wie andere Leute ab und zu eine Zigarre paffen.

Smitha: Das klingt ziemlich harmlos.

Lemke: Ideal ist, und das muß ich hier ganz klarstellen, ideal ist natürlich, du nimmst überhaupt keine Drogen. Dann kommst du einfach besser durchs Leben. Es ist aber auch wichtig, die Dinge realistisch zu sehen und nicht bloß moralisch zu verteufeln. Tabuthemen müssen offen besprochen werden, in der Schule, mit den Eltern — wenn du mal gekifft hast, daß du zu den Eltern gehen und ihnen das sagen kannst, ohne gleich Angst haben zu müssen.

Felix: Was, denken Sie. ist denn besonders wichtig für Vorbeugung?

Lemke: Es muß sachlich über das Thema Drogen in der Schule gesprochen werden, ohne den moralischen Zeigefinger. Ein Lehrer macht sich unglaubwürdig, wenn er erzählt — jetzt überspitzt gesagt — nach dreimal Haschisch rauchen stirbst du. Da sitzen Schüler, die haben’s selbst gemacht und lachen darüber.

Ji-Young: Kiffen, also Haschisch rauchen, ist inzwischen ja ziemlich normal geworden. Das gehört bei vielen Jugendlichen dazu wie eine Zigarette.

Lemke: Ich gehe selbst in Schulklassen und informiere als ehemaliger Betroffener über die Risiken. Ich versuche klarzumachen, was es euch kosten kann, wenn ihr euch heute, 1995, dafür entscheidet, Heroin oder Kokain oder sonstwas zu nehmen. Und der Preis dafür ist hoch, verdammt hoch!

Gesprächsmoderation: Uta M. Reindl und Thomas Ludwig
Bilder: Claudia Meyer

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