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06 Mrz 2003

„Angebot darf nicht geopfert werden“

LeserbriefZum Artikel „Die mobile Beratung Süchtiger wird eingestellt“: Die offene Drogenszene an der Kalker Post besteht nun schon seit mehreren Jahren und ist das Ergebnis der vorausgegangenen Szene-vertreibungs- und Zerschlagungsstrategie am Neumarkt und am Hauptbahnhof. Das besagte Garagengelände bei den Maltesern bildet die letzte verbliebene Nische für Junkies, um ihre erworbenen Drogen halbwegs unbeobachtet zu konsumieren (In anderen Großstädten geschieht dies auf U-Bahn-Treppen, Tiefgaragen und Hauseingängen). Hierbei wird wieder einmal deutlich, wie dringlich das Vorhandensein szenenaher Konsumräume für Betroffene und Bevölkerung gleichermaßen sind. Der zweite, inzwischen wieder eingesparte Kölner Konsumraum wäre in Kalk richtig platziert gewesen. Selbst wenn man den Sprachgebrauch „mobile Beratung Süchtiger“ noch zu entschuldigen vermag, ein Projekt einzustellen, das unbestritten erfolgreich zielgruppenspe-zifische Prävention vertritt und betreibt, kann nicht gesundheitspolitisch hingenommen werden, nur weil einige wenige Anwohner sich von dem Anblick sozial verelendeter Drogengebraucher gestört und belästigt fühlen. Ende letzten Jahres häuften sich ebenso die Anwohnerbeschwerden über herumliegende Spritzen auf dem Garagengelände.
Daraufhin durchforsteten Mitarbeiter des Junkie Bundes das gesamte Areal und fanden lediglich fünf gebrauchte Einwegspritzen – dagegen Berge von anderem Müll und Unrat, den sicherlich auch Anwohner illegal dort entsorgt hatten und der heute noch zu besichtigen ist! Die meisten der (Kalker) Szenejunkies werden, aus welchen Gründen auch immer, nicht durch niederschwellige Kontaktladenangebote erreicht, sondern durch mobile, aufsuchende Sozialarbeit. Keinesfalls kann und ist „das mobile niederschwellige Angebot die letzte Form der Hilfe (Leidel)“, sondern die erste! Von daher plädieren wir nochmals eindringlich für den Erhalt, sowie für die Ausweitung des mobilen Hilfsangebotes, welches nicht auch noch den „Kampf gegen die Drogenszene“ geopfert werden darf.

Bernd Lemke, Junkie Bund Köln.

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