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  Mai 2007

Achtjähriger mit Spritze verletzt?

Neue Herausforderungen für den Junkie-Bund Köln

In Köln Kalk, dem Stadtteil in dem der Junkie-Bund Köln e. V. beheimatet ist, kam es in der vergangenen Woche u. a. zu dieser Schlagzeile: „Achtjähriger mit Spritze verletzt“.

Vorweg erstmal die deutliche Feststellung, dass ein solches Verhalten von Drogengebrauchern – wenn es sich so zugetragen hat – natürlich vollkommen inakzeptabel ist!!!

Laut Polizeibericht, der sich auf die Aussagen des betroffenen Jungen und seinem Freund stützt, soll die Situation diese gewesen sein:

In einem Park ist ein kleiner Spielplatz angelegt, auf dem der Junge mit einem Freund gespielt hat. Auf einer angrenzenden Bank (oder auf dem Boden davor) soll ein Drogengebraucher gelegen haben. Als einer der Jungen dann mit dem Fahrrad an ihm vorbeifuhr, soll der User aufgesprungen, hinter dem Jungen hergerannt sein und ihm die Spritze in den Arm gerammt haben.

Bereits bei der Darstellung dieser Situation durch die beiden Jungen gibt es einige widersprüchliche Aussagen: „Wo hat der User gelegen? / Lag oder saß er? / Hat er konsumiert oder nicht? / Wo war der Freund des betroffenen Jungen?“ Diese Widersprüche
setzen sich auch bei der Beschreibung des vermeintlichen Täters fort. Während das eine Kind angibt, er wäre dunkel- bis schwarzhaarig, beschwört das andere, er wäre strohblond. Diese gravierenden Unterschiede in den Angaben geben auch der Polizei zu denken, die deshalb derzeit in alle Richtungen ermittelt.

Natürlich ist der Junkie-Bund Köln e. V. an einer schnellen Aufklärung der Geschehnisse interessiert. Sollte es sich wie geschildert
abgespielt haben, liegt hier eine Straftat vor, für die der Täter selbstverständlich zur Verantwortung zu ziehen ist.

Dennoch gibt es einige Tatsachen die in der Tagespresse missverständlich dargestellt wurden. So wurde besonders vom „Express“ sofort die Verbindung zwischen dem Spielplatz und dem Junkie-Bund hergestellt. Das kann so nicht stehengelassen werden. Zwar gibt es gegenüber des Junkie-Bund einen Spielplatz aber der Park in dem sich der Zwischenfall ereignet haben soll ist ca. zehn Minuten Fußweg entfernt. Ein Besucher, auf den die Beschreibung des mutmaßlichen Täters passt, ist zudem im Junkie-Bund völlig unbekannt.

Diese konstruierte Verbindung des Vorfalls mit dem Junkie-Bund e.V. wird vor allem von einem Bürgerverein vorangetrieben, der schon in den vergangenen Jahren immer wieder gegen den Junkie-Bund Front gemacht hat. Die rechte Partei ‚pro Köln’ hat den Bürgerverein dabei gerne und stark unterstützt. Hinzu kommt ein übereifriger FDP Politiker der, gemeinsam mit anderen Protagonisten, nun sofort wieder lautstark die sofortige Schließung des Junkie-Bund fordert. Die Bemühungen dieser Gruppe haben
bereits im vergangenen Jahr zu einem Ratsbeschluss geführt, der die Verlegung des Junkie-Bund an einen anderen Standort
zur Folge haben wird (der DROGENKURIER hat hierüber berichtet).

Hier wird, ähnlich wie im „Fall Kevin“ in Bremen, ein bedauerlicher Einzelfall politisch missbraucht und instrumentalisiert.

Das stellt die Geschäftsführung des Junkie-Bund Köln e. V. vor große Herausforderungen. Dazu kommt, dass die Geschäftsführung,
die nach dem Tod von Bernd Lembke, einem der Mitbegründer des Junkie-Bund Köln e.V., kommissarisch von Axel Hentschel ausgeübt wurde, derzeit an mich (Marco Jesse) übergeben wird. Ich bin seit dem 01. Mai in Köln und werde diese Aufgabe ab dem 01. August 2007 endgültig übernehmen. Nachdem ich in den letzten 11 Jahren im Kontaktladen der JES-Gruppe in Bremen gearbeitet und diesen ehrenamtlich geleitet habe, freue ich mich jetzt auf diese neue Herausforderung und die damit verbundenen neuen Aufgaben. Vieles in den Angeboten, Arbeitsweisen und Projekten des Junkie-Bund gleicht zwar denen, die es auch bei JES-Bremen gab, aber ist es trotzdem spannend und interessant, sich in neue Strukturen und Rahmenbedingungen in der Drogenhilfelandschaft, Verwaltung und Politik einzuarbeiten. Über das Vertrauen, das der Junkie-Bund, sein Vorstand und die Arbeitskollegen in Köln mir entgegenbringen freue ich mich sehr und ich werde alles daran setzen dieses nicht zu enttäuschen. Die freundliche und offene Art der Kollegen, mit der ich (und auch Sabine Lahmer die mit mir nach Köln gezogen ist) hier im Junkie-Bund aufgenommen wurde und die Hilfsbereitschaft bei allem was ein Umzug an Arbeit und Organisation mit sich bringt, war und ist super und hat den Wechsel von der Weser an den Rhein sehr erleichtert. Deshalb an dieser Stelle meinen ganz herzlichen Dank an alle Kollegen.

Auch wenn es Sabine und mir nach so vielen Jahren nicht leicht fiel, mich aus Bremen zu verabschieden und das Projekt dort „alleine“ zu lassen, bin ich sicher, dass die Kollegen im Norden die Arbeit, im Sinne unserer gemeinsamen Philosophie, fortführen werden. Besonders nachdem die Bremer Kommunalwahlen, die zu einer Ablösung der großen Koalition geführt haben, gute Voraussetzungen bieten. Den JES’lern in Bremen dafür viel Erfolg. �? Marco Jesse

Drogenkurier Ausgabe 70 (PDF-Datei)

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