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  Aug 2016

Die Männer vom Bahnhof Neumarkt

Köln hat ein Drogen-Problem. Das ist nicht mehr zu übersehen, vor allem am Neumarkt. Ein neuer Drogenkonsumraum soll das Elend lindern

Fast täglich kommt es zu lautem Streit und Gerangel vor dem Büdchen am Neumarkt. Und im Zwischengeschoss der Stadtbahnstation liegen immer wieder Menschen, neben ihnen Utensilien für den Konsum harter Drogen. Auch der Josef-Haubrich-Hof ist ein Treffpunkt der Drogenszene. Dass Köln ein Problem mit Drogen hat, ist nicht mehr zu übersehen. Nicht nur am Neumarkt, auch am Friesenplatz und am Ebertplatz, ebenso wie in Kalk, Mülheim oder am Kölnberg.

Mittlerweile haben Politik und Verwaltung das erkannt — nachdem sich lange niemand so recht für die Lage interessierte. Das Thema ist heikel: Vielen Bürgern würde es reichen, die Abhängigen einfach zu vertreiben. Aber so verdrängt man buchstäblich das Problem. Das hat die Politik verstanden, selbst frühere Hardliner.

Vor der Sommerpause hat die schwarz-grüne Koalition mit SPD, Linke und FDP ein »Drogenhilfeangebot mit Drogenkonsumraum« ab 2017 beschlossen. Doch man findet keine Immobilie. Und die Polizei rät, das Angebot in einer Nebenstraße unterzubringen — um Dealer am Neumarkt besser überführen zu können. Im Beschluss ist nun vom »Umfeld des Neumarkts« die Rede.

Der SPD-Politiker Michael Paetzold ist Vorsitzender des Sozialausschusses. Der jetzige Beschluss reicht ihm eigentlich nicht. Der Kalker Arzt sieht täglich die Probleme in seinem Stadtteil. Aber auch in Mülheim, sagt er, wäre ein Drogenkonsumraum wichtig. CDU und Grüne waren dagegen, sie wollen erst mal auf das Konzept für den neuen Drogenkonsumraum warten. »Und auch, wenn der Konsumraum am Neumarkt da ist, müssen wir nach zwei Jahren die Arbeit evaluieren«, sagt Ralf Unna von den Grünen, der Vorsitzender des Gesundheitsausschusses ist. »Wir können nicht einfach Steuergelder verbraten für etwas, das vielleicht gar nicht wirksam ist.« Dieses Jahr sind im städtischen Haushalt dafür 400.000 Euro vorgesehen, ab den kommenden Jahren die doppelte Summe.

Mit Drogenkonsumräumen hat man in Köln unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Während der Betrieb am Hauptbahnhof das Umfeld weitgehend befriedet hat, geriet ein Raum an der Siegburger Straße im Rechtsrheinischen zum Desaster. Nach vier Jahren Planung wurde die Einrichtung 2010 eröffnet, doch schon zwei Jahre später musste sie wieder schließen — kaum jemand nahm das Angebot an. Den Grund dafür sah man vor allem in der abseitigen Lage in Deutz. Auch deshalb reicht der Konsumraum am Hauptbahnhof nicht mehr aus. Wer sich am Neumarkt mit Drogen versorgt, geht damit sofort zum Josef-Haubrich-Hof oder ins Zwischengeschoss der U-Bahn-Station — und steigt nicht in die Bahn zum Hauptbahnhof. 2001 war der Drogenkonsumraum des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) am Hauptbahnhof einer der ersten in NRW. Solche Einrichtungen sollen verhindern, dass sich Abhängige eine Überdosis verabreichen. Durch die Ausgabe oder den Umtausch benutzter Spritzen können zudem HIV- oder Hepatitis-Infektionen verringert werden. Würden mehr Konsumräume bereitstehen, lägen außerdem weniger gebrauchte Spritzen in Parks, Grünanlagen oder auf Spielplätzen herum. Und natürlich soll Menschen der Weg aus der Abhängigkeit ermöglicht werden.

Zwar ist der Heroinkonsum bundesweit rückläufig, aber in Köln steigt er. Hier hat Heroin den größten Anteil unter den harten Drogen. Nach einem jahrelangen Rückgang ist nun wieder der Stand von 2009 erreicht, auch wenn die Droge von jungen Menschen kaum konsumiert wird. Auch die Todesfälle nehmen zu, mindestens 45 Menschen starben 2015. Trotzdem: Präzise Daten gibt es kaum, Politik und Verwaltung sind darauf angewiesen, aus unterschiedlichen Studien Trends abzuleiten. Es gebe eine »erhebliche Dunkelziffer«, heißt es im »Kölner Suchtbericht«, der erstmals in diesem Jahr erschien. In Bezug auf sämtliche Opioide — das sind neben Heroin etwa auch Codein, Opium und Morphium — geht man in Köln von 801 bis 2330 »problematischen Fällen« aus, Menschen also, die regelmäßig spritzen.

Schon in den 90er Jahren wurde in Köln ein modernes Hilfesystem aufgebaut. Dazu gehören Druckräume, Spritzentausch, Heroinabgabe, Junkie-Cafés und auch viele Substitutionsplätze. Irgendwann aber muss die Drogenpolitik in Vergessenheit geraten sein, die Effekte wurden geringer. Seit 2014 gibt es wegen der Drogenszene am Neumarkt eine »erhöhte Beschwerdelage«, wie es bei der Stadt heißt.

Im April vergangenen Jahres waren 2261 Menschen in Substitution, etwa in Methadon-Programmen — so viel wie in keiner anderen deutschen Stadt. Dadurch müsste der Heroinmissbrauch zurückgehen, stattdessen aber steigt er. Hat Köln immer noch nicht das richtige Konzept gefunden? Vor kurzem gab es ein internes Fachgespräch von Gesundheits- und Sozialpolitikern sowie den drei Trägern der Drogenhilfe — und deren Auffassungen unterscheiden sich grundlegend.

»Vision« ist ein eingetragener Selbsthilfe-Verein. Ehemalige, Substituierte, aber auch Mitarbeiter, die noch Drogen konsumieren, verfolgen gemeinsam mit pädagogischem und medizinischem Fachpersonal einen niederschwelligen Ansatz mit »akzeptierender Grundhaltung«: Niemand soll zum Ausstieg überredet werden. Anders der SKM, der den Drogenkonsumraum am Hauptbahnhof betreibt. Dort ist das Angebot »ausstiegsorientiert«. Fritz Papenbrock, Leiter der Sucht- und Aidshilfe beim SKM, sagt: »Für uns sind Drogenabhängige krank. Sie wissen nicht, wann der nächste Schritt richtig ist.« Eine mittlere Position nimmt die Drogenhilfe Köln gGmbH ein, in dessen Vorstand auch Politiker vertreten sind. Es gibt die typische Suchtberatung, aber auch ein niedrigschwelliges Kontakt-Café für Junkies.

Der Streit der Träger entzündet sich an zwei Punkten: zum einen daran, wie stark Drogenabhängige dazu bewegt werden sollen, Hilfe- und Beratungsangebote anzunehmen. Zum anderen unterscheidet man sich in der Haltung zur »Verordnung über den Betrieb von Drogenkonsumräumen«, die die NRW-Landesregierung Anfang des Jahres neu geregelt hat. Jetzt erhalten auch Abhängige mit Beikonsum Zugang, also Menschen, die sich in einer substitutionsgestützten Behandlung befinden, aber zusätzlich noch Drogen nehmen. Vision begrüßt diesen liberalen Ansatz, der auch den geplanten Konsumraum am Neumarkt beträfe. »Wenn man substituiert ist, ist es paradox einen Konsumraum zu benutzen«, sagt hingegen Fritz Papenbrock vom SKM. »Aber vielleicht müssen wir uns der Macht des Faktischen beugen: Es gibt ja auch Spritzenautomaten im Knast, obwohl Drogen dort verboten sind.« Ossi Helling, ehemals sozialpolitischer Sprecher der Grünen und heute im Vorstand der Drogenhilfe Köln, plädiert dafür, »dass dem Konsumraum ein Kontakt-Cafe angeschlossen ist, das für die Szene attraktiv ist.« Die Nutzer sollten auch mit Bierflasche kommen dürfen und irgendwo Zigaretten rauchen können. »Das ist die Voraussetzung dafür, dass es am Neumarkt ruhiger wird.« Marco Jesse von Vision warnt allerdings vor zu hohen Erwartungen. »Es ist utopisch, dass ein Konsumraum den Neumarkt komplett befriedet«, sagt er. »Das kann ein Hilfsangebot nicht leisten.«

Die Uneinigkeit der drei Träger stellen auch ein Problem für den künftigen Drogenkonsumraum am Neumarkt dar — denn wer soll ihn betreiben? Ralf Unna von den Grünen kann sich die Drogenhilfe Köln als Betreiber gut vorstellen. Die anderen Träger könnten dann, so Unna, mit ihren Stärken und jeweiligen Angeboten eingebunden werden. Dahinter steht auch das Bemühen der Politik, den Streit zwischen den Trägern zu schlichten — denn ihre Kooperation wird dringend benötigt.

Von: Anja Albert, Bernd Wilberg

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