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02 Okt 2008

Am Konzept hat sich nichts geändert

2008-10-02Junkie Bund heißt jetzt Vision –
Umzug an die Neuerburgstraße sorgt für Erleichterung

Von JÖRG FLEISCHER

KALK. Es riecht neu und unverbraucht an der Neuerburgstraße 25. Die Wände sind frisch gestrichen, die Möbel neu, draußen wurde gerade der Rasen eingesät, und der überdachte Abstellraum für Fahrräder und Mülltonnen verströmt den Geruch von frischem Holz. Am Montag hat „Vision“, der frühere Junkie-Bund, die Arbeit in dem Neubau aufgenommen. „Es ist schon sehr komfortabel hier“, freut sich Geschäftsführer Marco Jesse über die neuen Möglichkeiten des Vereins in dem rund 200 Quadratmeter großen Gebäude.

Doch nicht nur räumlich gab es Veränderungen: Mit einem neuen Namen hat die Selbsthilfeeinrichtung einen weiteren Schnitt vollzogen, wenngleich Marco Jesse nicht von einem Neustart sprechen will: „An unserer Philosophie und unserem Konzept hat sich nichts geändert!“ „Vision“, so der neue Name des Vereins, soll einerseits etwas neutraler klingen, andererseits die Vision beinhalten, die „deutschlandweit einzigartige Kombination aus Selbsthilfe und professioneller Hilfe“ zu erhalten und auszubauen. „Vor allem den Absolventen unseres Beschäftigungsprojektes war es wichtig, Unterlagen von einem neutral klingenden Träger zu bekommen. Da entfällt ein gewisser Rechtfertigungszwang“ , erläutert Jesse die Namensänderung, die unabhängig vom Umzug schon seit einiger Zeit im Gespräch war. „Jetzt aber war der Zeitpunkt besonders günstig“, so der Geschäftsführer. Dass die bisherigen Inhalte auch weiterhin Bestand haben, verrät der Untertitel von Vision: „Verein für innovative Drogenselbsthilfe“.

Mit dem Umzug und dem Neuen Namen soll aber ein neues Kapitel in der Vereinsgeschichte aufgeschlagen werden. Der frühere Standort an der Taunusstraße wurde von der Bevölkerung nicht akzeptiert. „Es hat sehr viel Kraft
und Einsatz gekostet, die Anwohner zu beruhigen. Diese Kraft können wir jetzt für unsere Klienten einsetzen“, freut sich Marco Jesse. Etwa 35 sind es, die täglich den offenen Treff nutzen, um dort in Ruhe einen Kaffee zu trinken, eine Kleinigkeit zu essen, Spritzen und Kleidungsstücke zu tauschen oder, ganz neu, die Duschen in der Einrichtung zu nutzen. Eine psychosoziale Begleitung nutzen ebenfalls etwa 35 Drogengebraucher, weitere sieben werden zurzeit in einem ambulanten Wohnprojekt betreut, das ausgebaut werden soll. „Fast alle unsere Klienten kommen aus dem näheren Umfeld“, erklärt Jesse.

».Vision‘ ist ein wichtiger Baustein bei unserer Drogenpolitik.«

MARLIS BREDEHORST,
Sozialdezernentin

Für Erleichterung sorgt der Umzug auch bei Politik und Verwaltung. „Ich bin froh, dass wir eine Lösung gefunden haben“, sagt Sozialdezernentin Marlis Bredehorst. Die Suche nach einem geeigneten Ort hat gedauert und war schwierig, aber notwendig: „Die Bürger haben den alten Standort nicht akzeptiert. Aber, Vision ist ein wichtiger Baustein unserer Drogenpolitik.“ Unterstützung gibt es von der Polizei: „Das Umfeld ist erheblich besser geeignet“, bestätigt Gerhard Wallmeroth. Leiter der Polizeiinspektion Südost.

„Wir haben Wort gehalten“, betonen die Fraktionsvorsitzenden von CDU und SPD in der Bezirksvertretung, Jürgen Schuiszill und Oliver Krems, übereinstimmend. Nachdem die Situation in Humboldt-Gremberg nicht mehr tragbar war, war der Umzug der Selbsthilfeeinrichtung eine wichtige Forderung der Politik. Den Start am neuen Standort bewertet Oliver Krems „positiv, denn der Bedarf ist da“. Auch für Jürgen Schuiszill ist die Neuerburgstraße „weniger problematisch“. Beide Parteien bezweifeln aber, dass der Umzug alleine die Situation in Humboldt-Gremberg verbessert. Dort seien weitere Maßnahmen notwendig. Auch müsse es am neuen Standort eine enge Kooperation zwischen Vision, Nachbarn, Polizei, Politik und Verwaltung geben, um neue Probleme gar nicht erst aufkommen zu lassen.

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Domizil auf Zeit: Vision, der frühere Junkie-Bund, arbeitet seit Anfang der Woche an der Neuerburgstraße. (Foto: Fleischer)

BERATUNG, BEGLEITUNG, PRÄVENTION

1990 gründete Bernd Lemke mit sechs anderen befreundeten Drogengebrauchern den Junkie Bund Köln. Die niederschwellige Selbsthilfeeinrichtung bietet einen offenen Treff, Spritzen- und Kleidertausch, einen mobilen medizinischen Dienst des Gesundheitsamtes, Beratung, Krisenintervention und Hilfe bei Obdachlosigkeit und immer mehr Prävention bei Jugendlichen an Schulen und Berufsschulen. Außerdem sammelt die Einrichtung Spritzen im Einzugsgebiet auf.

Nach dem Umzug an die Neuerburgstraße 25 verfügt die Einrichtung jetzt auch über Duschen, die den Klienten zur Verfügung stehen. Außerdem gibt es das Projekt ambulantes betreutes Wohnen, an dem zurzeit sieben überwiegend substituierte Menschen teilnehmen, und eine Kooperation mit einem Elternverband, der Beratung für Angehörige von Drogengebrauchern anbietet.

Fünf hauptamtliche Mitarbeiter, bis zu zehn Mitarbeiter in einem Beschäftigungsprojekt und bis zu 15 ehrenamtliche Helfer sind in der Einrichtung tätig.

Von November 2003 bis September 2008 hatte der Junkie-Bund ein Ladenlokal an der Taunusstraße in Humboldt-Gremberg. Der Widerstand der Bevölkerung machte einen Umzug schließlich unumgänglich. Mitgründer Bernd Lemke erlebte diesen Schritt nicht mehr: Er starb vor anderthalb Jahren, (jöf)

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